Aufgeschlagenes Buch mit Hypnose-Transkripten auf einem warmen Holztisch
Erickson & Rossi "Der Februarmann" - meine Rezension

Erickson & Rossi "Der Februarmann" (Buchrezension)

"Der Februarmann" von Milton H. Erickson und Ernest L. Rossi ist für mich (Marian Zefferer) ein Buch für Fortgeschrittene, für Erickson-Fans und für alle, die richtig tief in seine Arbeit eintauchen wollen. Es ist kein Anfängerbuch und auch kein Buch, in dem Du eine bestimmte Technik Schritt für Schritt lernst. Es ist ein einziger, ausführlich dokumentierter Fall, und genau darin liegt sein Wert.

Worum es geht

Im Zentrum steht eine junge Frau, die schwanger ist und mit der Sorge kämpft, keine gute Mutter sein zu können. Sie ist in einer emotional kargen Kindheit aufgewachsen und zweifelt daran, dass sie ihrem eigenen Kind die Wärme geben kann, die sie selbst nie erlebt hat. Erickson arbeitet mit einer tiefen Altersregression und tritt in ihren zurückverlegten Kindheitserinnerungen selbst als freundliche Figur auf, die immer wieder im Februar zu Besuch kommt. Daher der Titel: der "Februarmann". So bekommt die Klientin nachträglich die Erfahrung, umsorgt und wichtig gewesen zu sein.

Das Buch bildet diese Arbeit über weite Strecken im Originalwortlaut ab. Du liest sehr viele Transkripte, unter anderem aus einer der frühen Sitzungen. Erickson selbst ist sich im Gespräch nicht ganz sicher, ob es gerade die zweite oder die dritte Sitzung ist. Die allererste Sitzung fehlt, dafür sind viele der Folgesitzungen enthalten. Zwischen den Transkripten kommentieren Erickson und Rossi gemeinsam mit Blick von Fachleuten, warum er an dieser Stelle genau so vorgegangen ist.

Was das Buch besonders macht

Ein echter Deep Dive statt Rezeptsammlung

Der große Reiz liegt darin, dass Du Erickson nicht zusammengefasst, sondern in Aktion erlebst. Du siehst, wie er formuliert, wo er Pausen setzt, wie er auf kleinste Reaktionen eingeht und wie eine Altersregression über mehrere Sitzungen wächst. Für alle, die hypnotische Sprachmuster schon kennen und sie einmal in einem echten, langen Verlauf sehen wollen, ist das Gold wert.

Sprache plus Begründung

Weil Rossi Zeile für Zeile nachfragt, bleibt es nicht bei der Beobachtung. Du bekommst zu vielen Passagen die Überlegung dahinter mitgeliefert. Das macht deutlich, wie eng bei Erickson das Utilisationsprinzip und die indirekte Arbeit ineinandergreifen: Er nutzt, was die Klientin ohnehin mitbringt, und baut daraus behutsam eine neue, tragfähige Erfahrung.

Meine ehrliche Lese-Erfahrung

Das ist kein Buch, das man nebenbei liest. Ohne Vorwissen zu Erickson und zu hypnotischer Sprache wird es schnell anstrengend, und es verliert dann auch viel von seinem Reiz. Die vielen Transkripte entfalten ihre Wirkung erst, wenn Du erkennen kannst, was Erickson sprachlich gerade tut. Wer diese Grundlage hat, für den ist der Blick in die Werkstatt umso lohnender.

Ich würde deshalb empfehlen, vorher die Rossi-Trilogie zu lesen, also die Reihe rund um "Hypnotherapie" und "Hypnose erleben". Wer einen leichteren Einstieg in die Erickson-Welt sucht, ist mit Zeigs "Einzelunterricht bei Erickson" zunächst besser bedient und kommt danach viel müheloser durch den "Februarmann".

Für wen ist das Buch geeignet

  • Erickson-Fans, die seine Arbeit im Originalwortlaut studieren wollen
  • Fortgeschrittene mit solidem Wissen zu hypnotischer Sprache
  • Therapeuten und Coaches, die sich vertieft mit dem ericksonschen Ansatz und mit Altersregression beschäftigen wollen
  • Leser der Rossi-Trilogie, die den nächsten Schritt gehen möchten

Für alle anderen ist es eher keine Empfehlung. Ohne Vorwissen überfordert das Buch und wird schlicht nicht so interessant, wie es sein könnte. Dann lohnt sich zuerst ein zugänglicheres Erickson-Buch, und der "Februarmann" wartet geduldig auf später.

Mein Fazit

"Der Februarmann" ist ein Buch für die zweite oder dritte Reihe im Regal, im besten Sinne. Es ist eine seltene Gelegenheit, einer einzelnen ericksonschen Behandlung von innen zuzusehen, über viele Sitzungen und mit Kommentar. Wenn Du diese Basis mitbringst, ist es ein faszinierender Deep Dive. Wenn nicht, hol Dir die Basis zuerst.

Die Grundlagen dafür findest Du in meinem kostenlosen Hypnose-Workbook. Und wer hypnotische Sprache praktisch und mit Feedback üben will, ist in meinem Hypnose-Practitioner-Online-Training gut aufgehoben. Dort schaffen wir die Brücke von den Transkripten der großen Klassiker zur praktischen Konversationshypnose, mit der Du in jedem Gespräch arbeiten kannst.

Was Du davor lesen kannst

  • Erickson, M. H. & Rossi, E. L. Hypnotherapie. Klett-Cotta. Das Erickson-Standardwerk der Trilogie. Meine Rezension.
  • Erickson, M. H. & Rossi, E. L. Hypnose erleben. Klett-Cotta. Vertiefung zu veränderten Bewusstseinszuständen. Meine Rezension.
  • Zeig, J. K. Einzelunterricht bei Erickson. Carl-Auer. Erklärte Lehrszenen mit Erickson, ein sanfterer Einstieg. Meine Rezension.

Häufige Fragen

Ist "Der Februarmann" für Anfänger geeignet?

Eher nicht. Das Buch lebt von langen Transkripten, die erst dann wirklich spannend werden, wenn Du erkennen kannst, was Erickson sprachlich tut. Ohne Vorwissen zu hypnotischer Sprache und zu Ericksons Arbeitsweise wird die Lektüre schnell zäh. Mit dieser Basis ist es dagegen ein faszinierender Einblick.

Worum geht es in dem Fall?

Um eine schwangere Frau, die fürchtet, keine gute Mutter zu sein, weil ihr selbst in der Kindheit Wärme gefehlt hat. Erickson arbeitet mit einer tiefen Altersregression und tritt darin als wiederkehrende freundliche Figur auf, die im Februar zu Besuch kommt. So entsteht nachträglich die Erfahrung, umsorgt gewesen zu sein.

Was macht das Buch didaktisch wertvoll?

Die Kombination aus Originaltranskript und Kommentar. Du liest nicht nur, was Erickson gesagt hat, sondern bekommst über Rossis Rückfragen auch die Überlegung dahinter. So wird nachvollziehbar, wie Erickson eine Altersregression über mehrere Sitzungen aufbaut.

Was sollte ich vorher gelesen haben?

Idealerweise die Rossi-Trilogie rund um "Hypnotherapie" und "Hypnose erleben". Für einen sanfteren Start in die Erickson-Welt eignet sich Zeigs "Einzelunterricht bei Erickson". Danach liest sich der "Februarmann" deutlich leichter.

Quelle

  • Erickson, M. H. & Rossi, E. L. (1994). Der Februarmann: Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung in Hypnose (T. Kierdorf & H. Höhr, Übers.; Vorw. S. Rosen). Junfermann. (Originalwerk publiziert 1989 als The February Man)

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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