Inhaltsverzeichnis
- Worum es geht
- Was Dich in den Bänden erwartet
- Der Forscher
- Der Phänomenologe des Bewusstseins
- Der Techniker
- Der Therapeut
- Was die Schriften so wertvoll macht
- Die Quelle, nicht die Nacherzählung
- Tiefe statt Rezept
- Ein Werk zum Wiederkehren
- Was Du wissen solltest
- Für wen die Schriften sind
- Mein Fazit
- Häufige Fragen
- Quelle
Ericksons "Gesammelte Schriften" (Buchrezension)
Es gibt Bücher, die man liest, und es gibt Werke, in denen man wohnt. Die sechsbändigen "Gesammelten Schriften von Milton H. Erickson" gehören für mich (Marian Zefferer) zur zweiten Sorte. Man liest sie nicht von vorne nach hinten durch. Man zieht einen Band aus dem Regal, schlägt ihn auf, und ist wieder mitten in Ericksons Denken. Das ist kein Lehrbuch. Das ist die Quelle selbst.
Worum es geht
Was Carl-Auer hier auf Deutsch zugänglich macht, ist nichts weniger als das gesammelte schriftliche Werk des wohl einflussreichsten Hypnotherapeuten des 20. Jahrhunderts. Sechs Bände, sorgfältig ediert, die Ericksons Aufsätze, Experimente, Fallberichte und Forschungsarbeiten zusammenführen. Wer verstehen will, woher die moderne ericksonsche Hypnose wirklich kommt, findet sie hier nicht aus zweiter, sondern aus erster Hand.
Das Besondere: Erickson hat kein geschlossenes System hinterlassen, das man in einem Band lernen könnte. Er hat über Jahrzehnte geforscht, beobachtet, ausprobiert und beschrieben. Diese Ausgabe versammelt diese Arbeiten und macht die Entwicklung seines Denkens sichtbar. Mehr über den Menschen dahinter habe ich im Porträt zu Milton H. Erickson geschrieben.
Was Dich in den Bänden erwartet
Die Spannweite ist enorm, und das ist genau der Reiz. Je nachdem, welchen Aufsatz Du gerade aufschlägst, bekommst Du einen anderen Erickson zu fassen.
Der Forscher
Am Anfang steht der experimentelle Erickson. Schon als junger Mann untersuchte er systematisch, was Hypnose eigentlich ist. In Arbeiten wie den frühen "Initial Experiments Investigating the Nature of Hypnosis" sieht man einen Forscher, der nichts glaubt, was er nicht selbst geprüft hat. Das ist eine Seite Ericksons, die im populären Bild oft untergeht: Bevor er der legendäre Therapeut wurde, war er ein akribischer Beobachter und Experimentator.
Der Phänomenologe des Bewusstseins
Dann gibt es die Texte über die Natur veränderter Bewusstseinszustände. Ein Höhepunkt ist für mich die berühmte Studie, die Erickson gemeinsam mit dem Schriftsteller Aldous Huxley unternahm, eine besondere Erkundung der verschiedenen Zustände des Bewusstseins. Zwei außergewöhnliche Köpfe erkunden gemeinsam, was im Inneren geschieht, wenn Aufmerksamkeit sich verschiebt. Solche Texte liest man nicht, um eine Technik zu lernen, sondern um die Tiefe des Phänomens zu begreifen.
Der Techniker
Wer auf der Suche nach konkreten Vorgehensweisen ist, wird ebenfalls fündig. Hier finden sich die Wurzeln vieler Methoden, die heute zum Standard gehören: die Handschlag-Induktion, das Arbeiten mit Überraschung und Verwirrung, die kunstvolle Nutzung von Sprache. Erickson zeigt an eigenen Fällen, wie er indirekte Suggestionen einsetzte und wie aus einem scheinbaren Hindernis der Schlüssel zur Veränderung wurde.
Der Therapeut
Und schließlich der klinische Erickson. Fallberichte über Psychotherapie, die durch die Umkehrung des neurotischen Prozesses gelang, über hypnotisch orientierte Arbeit auch bei schwierigsten Ausgangslagen. Hier wird greifbar, was sein Utilisationsprinzip in der Praxis bedeutete: jeden Menschen als einzigartig zu behandeln und genau das zu nutzen, was er mitbrachte.
Was die Schriften so wertvoll macht
Die Quelle, nicht die Nacherzählung
Über Erickson ist viel geschrieben worden, oft brillant. Aber alles, was andere über ihn schreiben, ist Interpretation. Die "Gesammelten Schriften" sind das Original. Du liest Ericksons eigene Worte, seine eigenen Fallbeschreibungen, seine eigenen Schlussfolgerungen. Für jeden, der über das Nacherzählte hinaus will, ist das unersetzlich.
Tiefe statt Rezept
Diese Bände geben keine Rezepte. Sie geben Denkweise. Wer sie liest, lernt nicht "mach es so", sondern beginnt zu verstehen, wie Erickson die Welt und seine Klienten gesehen hat. Diese Haltung ist am Ende wertvoller als jede einzelne Technik, weil sie sich auf jede Situation übertragen lässt.
Ein Werk zum Wiederkehren
Man liest die "Gesammelten Schriften" nicht einmal und stellt sie weg. Man kehrt zurück. Beim ersten Lesen versteht man das eine, Jahre später beim selben Aufsatz etwas ganz anderes, weil die eigene Erfahrung gewachsen ist. Das ist die Qualität großer Primärquellen.
Was Du wissen solltest
Ehrlich gesagt: Das ist kein Werk für den schnellen Einstieg. Der Umfang ist beträchtlich, und die Texte sind keine didaktisch geglätteten Lehrkapitel, sondern wissenschaftliche Aufsätze und Fallberichte aus verschiedenen Jahrzehnten. Die Zugänglichkeit der einzelnen Beiträge schwankt naturgemäß, je nachdem, wann und zu welchem Zweck Erickson sie verfasst hat.
Das ist keine Schwäche des Werks, sondern seine Natur: Es ist eine Sammlung, kein Kurs. Wer das weiß und sich darauf einlässt, bekommt dafür etwas, das kein Lehrbuch bieten kann.
Für wen die Schriften sind
Die "Gesammelten Schriften" sind für den Erickson-Liebhaber, der tiefer gehen will. Für alle, die nicht nur wissen wollen, was Erickson tat, sondern wie er dachte. Für Fortgeschrittene, die ihre Praxis an der Quelle überprüfen und vertiefen möchten.
Wer Erickson zuerst lebendig und zugänglich kennenlernen will, beginnt besser mit "Hypnose erleben" oder, für die therapeutische Anwendung, mit "Hypnotherapie". Die "Gesammelten Schriften" sind dann der große nächste Schritt, wenn der Hunger nach der ganzen Tiefe geweckt ist.
Mein Fazit
Sechs Bände, ein Lebenswerk. Die "Gesammelten Schriften von Milton H. Erickson" sind die wertvollste Quelle, die man auf Deutsch über Erickson bekommen kann. Kein schneller Einstieg, sondern ein Werk für alle, die wirklich verstehen wollen, und die bereit sind, immer wieder zurückzukehren.
Wenn Du die Prinzipien, die Erickson hier entfaltet, selbst in die Praxis bringen willst, ist mein kostenloses Hypnose-Workbook ein guter Anfang, und im Hypnose-Practitioner lernst Du sie systematisch, mit Übung und Feedback.
Häufige Fragen
Muss ich alle sechs Bände lesen?
Nein. Die "Gesammelten Schriften" sind ein Nachschlage- und Vertiefungswerk, kein Roman. Du kannst Dir die Bände oder Aufsätze herausgreifen, die zu Deinem aktuellen Interesse passen, ob frühe Experimente, Bewusstseinsforschung, Techniken oder therapeutische Fallberichte.
Ist das Werk für Anfänger geeignet?
Eher nicht als Einstieg. Der Umfang und der wissenschaftliche Charakter setzen Geduld und etwas Vorwissen voraus. Wer Erickson zuerst zugänglich erleben will, beginnt besser mit "Hypnose erleben" oder "Hypnotherapie" und kommt später zur Gesamtausgabe.
Warum die Primärquelle lesen, wenn es so viele gute Bücher über Erickson gibt?
Weil jede Darstellung über Erickson eine Interpretation ist. In den "Gesammelten Schriften" liest Du seine eigenen Worte und Fallberichte. Das gibt Dir die Möglichkeit, selbst zu modellieren und Ericksons Denkweise direkt aufzunehmen, statt sie gefiltert zu übernehmen.
Quelle
- Rossi, E. L., & Erickson, M. H. (2022). Gesammelte Schriften von Milton H. Erickson: Gesamtausgabe / Studienausgabe in 6 Bänden. Carl-Auer.
Siehe auch
- Erickson & Rossi "Hypnose erleben" (Buchrezension) — Erickson live bei der Arbeit: wörtlich transkribierte Sitzungen mit Rossis Zeile-für-Zeile-Kommentar. Highlight: ein ...
- Gilligan "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" (Buchrezension) — Philosophisches Buch ueber die Psychotherapie der Selbstbeziehung. Liebe als Haltung und Faehigkeit: einen Standpunkt...
- Hughes "Erickson: Wounded Healer" (Buchrezension) — Kurze, fesselnde Erickson-Biografie. Zeigt, wie Erickson eigene Krisen (Polio, Selbsthypnose-Genesung) zur Meistersch...
- Bernhard Trenkle "Dazu fällt mir eine Geschichte ein" (Buchrezension) — Marians meistempfohlenes Buch in Hypnose- und Storytelling-Ausbildungen. Trenkles Fallvignetten in der Erickson-Tradi...
- Schmidt "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung" (Buchrezension) — Schmidts kompaktes hypnosystemisches Standardwerk. Problemtrance/Lösungstrance, Symptome als kompetente Lösungsversuc...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.