Inhaltsverzeichnis
- Worum es bei der Externalisierung geht
- Die Fallgeschichte: der Tee und die zweite Betthälfte
- Warum die Beziehung mehr bewegt als der Kampf
- So baust Du eine Externalisierung auf
- Wo Du die Technik sonst einsetzen kannst
- Ehrliche Einordnung und rechtlicher Rahmen
- Und jetzt Du
- Häufige Fragen
- Was bedeutet Externalisierung in der Hypnose?
- Muss ich dafür in Trance gehen?
- Wie oft soll ich mit dem Gegenstand sprechen?
- Was mache ich, wenn nur Ärger kommt?
- Funktioniert Externalisierung bei jedem?
- Quelle
Externalisierung in der Hypnose: Wenn das Problem einen Platz bekommt
Eine Klientin richtet abends die zweite Betthälfte. Nicht für einen Menschen. Für ihre depressive Verstimmung. Sie hat mir (Marian Zefferer) erzählt, dass sie seither anders in diese Abende hineingeht.
Das klingt beim ersten Hören schräg. Dahinter steckt eine der einfachsten und haltbarsten Interventionen, die ich kenne: Du nimmst das Problem aus dem Inneren heraus, gibst ihm einen Gegenstand im Außen, und dann baust Du eine Beziehung dazu auf. Externalisierung.
Worum es bei der Externalisierung geht
Du hast etwas, das Dich belastet. Eine depressive Verstimmung, ein Verlangen nach Zigaretten, das Gefühl, den eigenen Körper nur noch zu kritisieren. Solange das alles in Dir stattfindet, bist Du damit verschmolzen. Es gibt kein Gegenüber. Es gibt nur Dich und ein Gefühl, das Dich überkommt.
Genau diese Sprache verwenden Menschen von selbst: die Depression überkommt mich, die Sucht überkommt mich. Das ist bereits eine halbe Externalisierung. Du machst sie ganz.
Praktisch heißt das: Du suchst einen Gegenstand, der Bestand hat. Einen Stein, eine Figur, ein selbst gemaltes Bild. Keine Schokolade, die nach zwei Tagen weg ist. Diesem Gegenstand gibst Du einen Platz in Deiner Wohnung. Und dann sprichst Du mit ihm.
Du kannst ihn als inneren Anteil behandeln, also als den Teil von Dir, der niedergeschlagen ist oder der raucht. Du kannst ihn auch als etwas behandeln, das von außen zu Besuch kommt. Beides funktioniert. Wer mit dem Seitenmodell und mit dem Assoziationsprinzip vertraut ist, erkennt hier die gleiche Bewegung: Du wechselst die Position und schaust das Thema von außen an, statt darin zu sitzen.
Das Ziel dieser Arbeit ist die Beziehung. Eine Lösung für das Problem steht dabei ausdrücklich nicht auf dem Plan. Und gerade dadurch verändert sich in den meisten Fällen etwas am Problem.
Die Fallgeschichte: der Tee und die zweite Betthälfte
Eine Klientin kam mit depressiven Verstimmungen zu mir. Keine Depression im Sinne einer Diagnose, das ist mir wichtig. Sie war erfolgreiche Unternehmerin, führte zwei Firmen, und im Außen lief alles.
Ihr Muster war klar zu erkennen. Solange sie beschäftigt war, war die Verstimmung nie da. Viel Arbeit, ein Projekt, eine neue Beziehung, irgendetwas, das den Kalender füllte. Ruhig wurde es nur, wenn ein Projekt fertig war, sie gerade single war und allein zu Hause saß. Dann kam die Verstimmung. Und abends kam sie am häufigsten.
Meine erste Frage diente nur dem Beziehungsaufbau. Ich sagte ihr: Du weißt eigentlich ziemlich genau, wann sie kommt. Das Projekt ist fertig, Du bist allein zu Hause, also wird sie kommen. Bietest Du ihr einen Tee an?
Sie lachte und sagte nein.
Zweite Frage, ebenso ernst gemeint: Du hast erzählt, dass sie meistens nachts kommt. Hast Du ihr das Bett gerichtet? Und bei ihr war es tatsächlich so: ein Doppelbett, und in Single-Phasen richtete sie immer nur eine Hälfte. Die andere blieb leer.
An dieser Stelle hatte sie die Idee schon halb selbst herausgehört. Ihre bisherige Beziehung zu dieser Verstimmung ließ sich in einem Satz zusammenfassen: Das Ding will mir etwas Schlechtes, und ich will es weghaben. Ich fragte sie, wie viel Einfluss sie mit dieser Haltung auf die Verstimmung hat. Wenig, sagte sie.
Dann die hypothetische Frage: Mal angenommen, Du hättest eine gute Beziehung zu ihr. So wie zu einer Freundin, die Dich besuchen kommt. Wenn die Freundin etwas tut, das Du nicht möchtest, und Du sagst Stopp, würde sie darauf hören? Ja, sagte sie. Und hättest Du damit mehr Einfluss? Auch ja.
Von da an war es Handwerk. Sie hat diesem Anteil einen festen Platz in der Wohnung gegeben, einen kleinen Ort, an dem sie mit ihm sprechen konnte. Und wenn sie wusste, heute wird der Abend still, hat sie die zweite Betthälfte gerichtet.
Warum die Beziehung mehr bewegt als der Kampf
Was hier passiert, klingt banal und ist hochgradig hypnotisch. Wenn wir etwas im Inneren spüren und ihm im Außen einen Platz geben, entsteht eine andere Verbindung. Hypnose hat sehr viel mit Beziehungsgestaltung zu tun. Das gilt für den Kontakt zwischen zwei Menschen und genauso für den Kontakt zu den eigenen Anteilen. Gunther Schmidt beschreibt in seinen hypnosystemischen Arbeiten genau diese Bewegung: Problem und Lösung stehen in einer Beziehung zueinander, und wer die Beziehung verändert, verändert das Feld.
Stephen Gilligan hat dem ein ganzes Buch gewidmet. Sein Kerngedanke: Ein Symptom, das abgelehnt wird, bekommt mehr Gewicht. Ein Symptom, das gesehen und gehalten wird, wird beweglicher. Das deckt sich mit allem, was ich in Coachings beobachte.
Und es erklärt, warum die übliche Reaktion selten weiterhilft. Die übliche Reaktion ist Kampf. Ich hasse dieses Gefühl, ich will es loswerden, es soll verschwinden. Damit richtest Du Deine gesamte Aufmerksamkeit auf das Problem und gibst ihm Energie. Das ist das Aufmerksamkeitsprinzip in seiner unangenehmen Variante.
So baust Du eine Externalisierung auf
Fünf Schritte, die Du heute ausprobieren kannst.
- Benenne das Thema. Ein Wort oder ein kurzer Satz reicht. Die Schwere am Abend. Das Verlangen nach der Zigarette. Die Strenge gegenüber meinem Körper.
- Suche einen Gegenstand. Je mehr Energie Du hier investierst, desto besser. Geh in die Natur und suche einen Stein. Geh in ein Geschäft und kaufe etwas. Oder mal ein Bild. Der Aufwand ist Teil der Wirkung.
- Gib ihm einen Platz. Ein Regal, ein Fensterbrett, der Nachttisch. Der Ort sollte sichtbar sein.
- Geh in Dialog. Einmal am Tag oder einmal in der Woche. Sprich laut oder schreib. Frag: Was willst Du? Wann kommst Du? Was brauchst Du von mir?
- Lass die Lösung weg. Du willst keine Verhaltensänderung erzwingen. Du willst wissen, mit wem Du es zu tun hast.
Am Anfang kommt oft Ärger. Manchmal muss der erst raus. Danach kommt in den meisten Fällen Trauer: darüber, dass es bisher nicht gelungen ist, darüber, nicht so zu sein, wie man gern wäre. Wenn Du das ein Stück durchgehen lässt, taucht meistens eine Absicht auf. Diese Seite will etwas Gutes für Dich. Sie will Ruhe, sie will Genuss, sie will Schutz. Das ist die positive Absicht, und wenn Du sie einmal sehen kannst, verliert das Ganze an Schrecken.
Die Fortschritte sind dabei in der Regel klein. Aus hundert Prozent Gegner werden achtzig. Das ist schon viel. Und wenn Du das Gespräch immer wieder suchst, verbessert sich die Beziehung meist von allein weiter.
Wo Du die Technik sonst einsetzen kannst
Die Kernidee lässt sich auf fast jedes Thema übertragen, bei dem sich etwas in Dir gegen Dich zu richten scheint.
- Körper und Gewicht. Du hast eine harte Beziehung zu Deinem Körper. Mal ein Bild davon, stell es hin, und führe mit diesem Bild ein Gespräch. Das passt gut zum Thema Abnehmen mit Hypnose, wo der innere Kampf häufig größer ist als das Ernährungsthema.
- Rauchen und andere Gewohnheiten. Ein Gegenstand für das Verlangen. Warum der reine Verzicht so oft scheitert, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben: warum Rauchen aufhören nicht klappt.
- Aufschieben. Der Anteil, der bremst, bekommt einen Platz auf dem Schreibtisch und wird gefragt, was er braucht.
- Ambivalenz im Coaching. Wenn ein Teil will und ein anderer bremst, kannst Du beide Seiten externalisieren und sie miteinander sprechen lassen. Mehr dazu im Ambivalenzcoaching.
- Symptome als Lösungsversuche. Externalisierung ist der praktische Zugang zu einer Haltung, die ich hier beschrieben habe: Symptome als Lösungsversuche.
Im Coaching kannst Du mit Fragen aktiv nachhelfen und das Gespräch in eine tragfähige Richtung führen. Das ist der Punkt, an dem Ausbildung einen Unterschied macht. Wer die 8 hypnotischen Prinzipien beherrscht, braucht für diese Arbeit keine Induktion und keinen Sessel. Ein Gespräch reicht, so wie in der Konversationshypnose.
Welche Prinzipien hier greifen: Assoziation (Du gibst dem Inneren eine Gestalt im Außen), Sinnesaktivierung (der Gegenstand ist sichtbar und anfassbar), Wiederholung (der Dialog wirkt über die Zeit) und vor allem Utilisation, weil Du das Symptom als Mitspieler verwendest, statt es zu bekämpfen. Dazu das Kooperationsprinzip: Der Anteil bekommt eine Stimme.
Ehrliche Einordnung und rechtlicher Rahmen
Zur Wirksamkeit genau dieser Abfolge gibt es keine kontrollierte Studie, die ich zitieren könnte. Was es gibt, ist eine breite Befundlage zur Hypnose insgesamt, nachzulesen in meiner Übersicht Hypnose-Forschung: Studien im Überblick. Die Externalisierung selbst steht in einer langen Praxistradition der hypnosystemischen und ericksonschen Arbeit. Ich beschreibe sie hier als das, was sie ist: eine erprobte Intervention aus der Praxis.
Zweite Einschränkung: Allein ist die Arbeit anspruchsvoller. Wer wenig Erfahrung hat, landet leichter in einer Endlosschleife aus Vorwürfen. Mit Begleitung geht es deutlich leichter, mehr dazu unter Hypnose für Coaches.
Dritte und wichtigste Einschränkung: Bei einer diagnostizierten Depression, bei einer Suchterkrankung oder bei einer Traumafolgestörung gehört die Arbeit in fachliche Hände. In Deutschland regelt das Heilpraktikergesetz, wer heilkundlich tätig sein darf. In Österreich ist Psychotherapie gesetzlich geschützt, Coaching läuft dort als Lebens- und Sozialberatung nach der Gewerbeordnung. In der Schweiz gilt kantonales Recht. Hypnose ersetzt keine Therapie, und sie wird gleichzeitig von vielen Therapeuten genutzt. Wenn Du unsicher bist, ob Dein Thema ins Coaching passt, kläre das vorher ab. Details dazu auch unter Hypnose bei Depressionen.
Und jetzt Du
Angenommen, Du würdest morgen einen Gegenstand für Dein Thema aussuchen. Welcher wäre es? Und wo würdest Du ihn hinstellen?
Wenn Du die Grundlagen dahinter systematisch lernen willst, findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook einen Einstieg in die acht Prinzipien. Und wenn Du diese Art von Arbeit sauber führen lernen willst, inklusive Fragetechnik und Umgang mit starken Emotionen, ist der Hypnose-Practitioner der nächste Schritt.
Häufige Fragen
Was bedeutet Externalisierung in der Hypnose?
Externalisierung bedeutet, dass Du ein inneres Thema nach außen verlagerst und ihm einen konkreten Gegenstand gibst, zum Beispiel einen Stein, eine Figur oder ein gemaltes Bild. Dieser Gegenstand bekommt einen Platz in Deiner Wohnung, und Du führst regelmäßig ein Gespräch mit ihm. Dadurch entsteht ein Gegenüber, wo vorher nur ein diffuses Gefühl war.
Muss ich dafür in Trance gehen?
Nein. Die Arbeit funktioniert im wachen Gespräch, mit offenen Augen, ohne Induktion. Sie ist trotzdem hypnotisch wirksam, weil sie Aufmerksamkeit, Assoziation und Sinnesaktivierung nutzt. Genau das ist der Kern der Konversationshypnose.
Wie oft soll ich mit dem Gegenstand sprechen?
Einmal am Tag oder einmal in der Woche ist ein guter Rahmen. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Dauer. Zwei Minuten reichen, wenn sie wirklich stattfinden.
Was mache ich, wenn nur Ärger kommt?
Ärger am Anfang ist normal und darf raus. Wenn Du dranbleibst, folgt meist Trauer, und danach wird oft eine Absicht sichtbar, die diese Seite verfolgt. Wenn Du über Wochen in der Wut stehen bleibst, hol Dir Begleitung dazu.
Funktioniert Externalisierung bei jedem?
Jeder Mensch ist grundsätzlich ansprechbar für diese Art von Arbeit. Ob sie im Einzelfall greift, hängt an der Methode, an der Beziehung, an der Tagesform und daran, ob das Thema überhaupt ins Coaching gehört. Bei diagnostizierten Erkrankungen gehört die Arbeit in fachliche Begleitung.
Quelle
- Gilligan, S. G. (2010). Liebe dich selbst wie deinen Nächsten: Die Psychotherapie der Selbstbeziehung. Carl-Auer Verlag.
- Hammel, S. (2011). Handbuch der therapeutischen Utilisation (Leben Lernen, Bd. 239): Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta.
- Meiss, O., & Schmidt, G. (2026). Hypnosystemische Therapie bei Depression und Burnout. Carl-Auer Verlag.
- Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
- Schmidt, G. (2023). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung: Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Carl-Auer Verlag GmbH.
Siehe auch
- Ambivalenz im Coaching auflösen: Schmidts Methode praktisch — Ambivalenz als Patt zweier kompetenter Anteile. Sechs-Schritte-Workflow: beide Seiten würdigen, dritte Position einne...
- Seitenmodell im Coaching - eine Seite von mir
- Symptome als Lösungsversuche: der Schmidt-Reframe im Coaching — Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis. Sechs Coaching-Fragen, die das Symptom utilisieren statt bekämpfen.
- Symptomverschreibung: warum Erickson das Problem manchmal bestellt hat
- Problemtrance und Lösungstrance: Schmidts Schlüsselbegriff — Schmidts Schlüsselbegriff: Symptome sind selbstinduzierte Trancezustände. Aufmerksamkeit als Hebel zwischen Problem- ...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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