Eine Hand hält eine Zimmerpflanze absichtlich schief ins Licht, Symbolbild für die Symptomverschreibung in der Hypnose
Was Du bestellst, gehorcht Dir. Und was Dir gehorcht, macht Dir keine Angst mehr.

Symptomverschreibung: warum Erickson das Problem manchmal bestellt hat

Ein 14-jähriges Mädchen sitzt in Ericksons Praxis. Sie wiegt knapp 28 Kilo. Ihre Mutter, selbst Ärztin, beantwortet alle Fragen an ihrer Stelle.

Erickson sagt zur Mutter höflich, aber sehr deutlich, sie möge still sein und ihre Tochter antworten lassen. Dann wendet er sich an das Mädchen und sagt ihr den Satz, mit dem alles kippt:

Deine Eltern haben Dich hergeschickt, damit ich Dir sage, Du sollst essen. Das habe ich nicht vor. Essen ist Deine Sache. Mach damit, was Du willst.

In den ersten beiden Wochen nimmt sie zu. Der Fall steht in Ericksons Fallbuch, und Rossi kommentiert ihn im selben Band ziemlich trocken: Erickson stellt sich scheinbar auf ihre Seite und tut genau das Gegenteil von dem, was er tun soll.

Die These: Ein Symptom, das jemand auf Ansage zeigt, ist kein Symptom mehr. Es ist eine Handlung. Und Handlungen kann man verändern.

Was Symptomverschreibung bedeutet

Symptomverschreibung heißt: Du bittest Dein Gegenüber, genau das zu tun, was es eigentlich loswerden will. Absichtlich, zu einer festgelegten Zeit, in einem klar abgesteckten Rahmen.

Das klingt im ersten Moment wie ein schlechter Scherz. Wer wegen Einschlafproblemen kommt, soll wach bleiben? Wer sich fürs Erröten schämt, soll erröten üben?

Genau das. Und der Grund dafür ist unspektakulärer, als die Technik aussieht. Ein Symptom lebt davon, dass es unwillkürlich passiert. Es kommt, wann es will. Sobald Du es bestellst, verändert sich seine Stellung im System: Es wird zu etwas, das auf einen Auftrag hin geschieht.

Der Begriff hat mehrere Heimathäfen. In der Kommunikationstheorie firmiert er als paradoxe Intervention, sauber beschrieben bei Watzlawick, Beavin und Jackson. In der Logotherapie heißt die verwandte Idee paradoxe Intention. Im hypnotherapeutischen Umfeld ist er ein Sonderfall von etwas Größerem: dem Utilisationsprinzip. Erickson hat nie versucht, ein Symptom wegzuräumen. Er hat gefragt, wozu sich das Ding gebrauchen lässt.

Warum das Bestellen die Richtung dreht

Kleines Segelboot auf ruhigem Wasser, das den Wind für sich nutzt statt gegen ihn zu arbeitenDrei Mechanismen greifen ineinander. Keiner davon braucht einen besonderen Bewusstseinszustand, alle drei funktionieren im ganz normalen Gespräch.

Aus unwillkürlich wird willkürlich

Das ist der Kern. Solange das Grübeln von allein kommt, erlebst Du Dich als Empfänger. Sobald Du Dich um Viertel nach acht mit einem Wecker hinsetzt und zwanzig Minuten lang bewusst grübelst, bist Du der Absender. Die Erfahrung, die dabei entsteht, ist wertvoller als jede Einsicht: Ich habe hier mehr Einfluss, als ich dachte.

Erickson arbeitet im Fallbuch mit derselben Bewegung, wenn er einer Klientin sagt, sie könne die Kontrolle behalten und werde trotzdem gerade merken, wie sie eine bestimmte Kontrolle abgibt. Rossi nennt das im Kommentar eine scheinbar paradoxe Suggestion und beschreibt genau, was sie tut: Sie hält das gewohnte Denken kurz an, sodass etwas anderes Platz bekommt.

Der Kampf gegen das Symptom fällt weg

Viele Beschwerden werden von dem Aufwand am Leben gehalten, den ihre Bekämpfung kostet. Wer nicht einschlafen kann und sich anstrengt einzuschlafen, produziert genau die Anspannung, die das Einschlafen verhindert. Der Versuch ist Teil des Musters.

Die Verschreibung nimmt diesen Versuch aus dem Spiel. Es gibt nichts mehr zu bekämpfen, weil der Auftrag lautet, es geschehen zu lassen. Gunther Schmidt beschreibt in seiner Einführung in die hypnosystemische Arbeit dieselbe Bewegung von der anderen Seite: Ein Symptom ist auch ein Lösungsversuch, und es lohnt sich, den Versuch ernst zu nehmen, statt ihn zu bekämpfen. Wir haben das im Artikel Symptome als Lösungsversuche ausführlich beschrieben.

Beobachten statt bewerten

Wer sein Symptom auf Auftrag herstellt, schaut ihm zwangsläufig zu. Er merkt, wann es leichter geht und wann schwerer, was davor passiert ist, wie lange es hält. Diese Beobachterposition ist der eigentliche Ertrag. Sie verwandelt ein diffuses Erleben in etwas mit Rändern, Bedingungen und Verlauf.

Das ist auch der Weg raus aus dem, was Schmidt Problemtrance nennt. Wer mitten im Problem sitzt, sieht nur das Problem. Wer es beobachtet, sitzt schon einen halben Meter daneben.

Der Fall, an dem man es lernen kann

Zurück zu dem Mädchen mit den knapp 28 Kilo. Was Erickson danach macht, ist der eigentliche Unterricht.

Er stellt fest, dass die Mutter selbst deutlich untergewichtig ist. Also nimmt er sie ins Verfahren hinein und erklärt ihr, eine Frau in ihrem Alter und ihrer Größe solle mehr wiegen. Dann sagt er zur Tochter: Sorge dafür, dass Deine Mutter zunimmt, und berichte mir jedes Mal, wenn sie zu wenig isst.

Aus dem Kind, an dem etwas repariert werden soll, wird die Aufsicht.

Als die Mutter später einen Teil ihres Hamburgers einwickelt und die Tochter das erst zwei Tage später meldet, verhängt Erickson eine Strafe. Beide haben sich etwas zuschulden kommen lassen, also bestraft er sie gemeinsam: Sie müssen bei ihm zu Hause Käsebrote unter dem Grill zubereiten und unter seinen Augen essen.

Rossis Kommentar dazu ist der Satz, den ich (Marian Zefferer) mir im Seminar am häufigsten anhöre, weil er das ganze Prinzip in einer Zeile hat: Da Essen jetzt eine Strafe ist und keine Belohnung, können sie essen, um ihre Schuld abzutragen.

Erickson kämpft an keiner Stelle gegen das Nicht-Essen an. Er baut eine Situation, in der Essen die logische Konsequenz aus etwas völlig anderem wird. Das ist nicht Überredung, das ist Kontextarbeit. Wer das Muster dahinter genauer verstehen will, findet es in der verwandten Doppelbindung wieder, dem freundlichen Wahlangebot, bei dem beide Wege in die gleiche Richtung führen.

Wie das im Coaching aussieht

Eine Sanduhr steht auf einem Küchentisch neben einem Notizblock, Symbolbild für eine fest terminierte GrübelzeitVier Situationen, die mir regelmäßig begegnen. Alle vier sind alltagstauglich und keine davon braucht eine Induktion.

Der Mann, der nicht einschlafen kann. Auftrag: Leg Dich hin und bleib bewusst wach. Beobachte, was der Körper macht, wenn er nicht einschlafen darf. Erlaubt ist alles außer aufstehen. Der Effekt kommt regelmäßig innerhalb einer Woche, und er kommt nicht, weil ich etwas gesagt hätte, sondern weil das Anstrengen entfällt.

Die Trainerin, die vor Gruppen errötet. Auftrag: Nimm Dir vor dem Seminar bewusst vor, in den ersten fünf Minuten zu erröten. Und beobachte, wo genau es anfängt. Sie berichtete danach, der Kopf sei genauso warm geworden wie sonst, es habe sie nur nicht mehr beschäftigt.

Die Klientin, die abends nicht aufhören kann zu grübeln. Auftrag: eine feste Grübelzeit, zwanzig Minuten, Wecker, aufrecht sitzend, schriftlich. Alles, was außerhalb dieser Zeit kommt, wird notiert und auf morgen vertagt. Die Verschreibung ist hier gleichzeitig eine Terminvergabe.

Der Kollege, der Angebote wochenlang aufschiebt. Auftrag: Setz Dich zwanzig Minuten an den Schreibtisch mit dem ausdrücklichen Verbot, das Angebot zu schreiben. Nur davorsitzen. Bei ihm hat sich in der dritten Sitzung herausgestellt, dass hinter dem Aufschieben eine offene Preisfrage stand. Das ist der zweite große Ertrag der Methode: Sie legt oft frei, worum es eigentlich geht. Was dahinter auftaucht, ist meistens eine Ambivalenz, also zwei gute Gründe, die in verschiedene Richtungen ziehen.

Ein Muster fällt auf: In allen vier Fällen ist die Verschreibung eng begrenzt. Zeitfenster, Ort, Dauer. Ein unbegrenztes "mach ruhig weiter damit" wäre keine Verschreibung, sondern ein Schulterzucken. Denselben Rahmen aus Zeit, Ort und Abschluss brauchen auch therapeutische Rituale.

Wo ich die Grenze ziehe

Jetzt der Teil, den die meisten Texte zu diesem Thema auslassen.

Im selben Fallbuch steht ein zweiter, deutlich berühmterer Fall. Ein junges Paar besteht zwei Stunden lang darauf, dass Erickson bei einer Abtreibung hilft. Er hält das für falsch und schickt sie schließlich mit einer einzigen Anweisung nach Hause: Auf gar keinen Fall dürften sie an einen Namen für das Kind denken, der zu einem Jungen wie zu einem Mädchen passt, denn dann würden sie es behalten. Er wiederholt das ein Dutzend Mal und schiebt sie zur Tür hinaus. Wenige Tage später kommen sie verheiratet zurück.

Erickson hat hier gegen das erklärte Ziel seiner Klienten gearbeitet und die Technik benutzt, um sie in eine Richtung zu bewegen, die er für die bessere hielt. Das Verfahren hat funktioniert. Und genau deshalb muss man darüber reden.

Für mich gilt: Eine Verschreibung ist Kooperation oder sie ist gar nichts. Das Kooperationsprinzip ist hier keine nette Ergänzung, es ist die Bedingung. Drei Punkte, an die ich mich halte:

  • Das Ziel gehört dem Klienten. Ich verschreibe in die Richtung, die er will. Wenn ich seine Richtung für ungünstig halte, sage ich das offen und wir reden darüber. Ich baue keine Konstruktion, die ihn dorthin schiebt, wo ich ihn haben will.
  • Der Rahmen wird erklärt. Ich sage vorher, was ich vorhabe und warum. Wer versteht, dass er sein Muster gerade absichtlich herstellt, hat mehr davon als jemand, der einen Trick über sich ergehen lässt. Mehr dazu in Ethik in der Hypnose.
  • Der Auftrag muss klein und sicher sein. Alles, was körperlich oder psychisch belasten kann, wird nicht verschrieben. Grübeln ja. Sich beobachten ja. Zwang, Schmerz, Panik, Selbstschädigung: nein.

Länderhinweis: Bei Beschwerden mit Krankheitswert liegt die Arbeit in Deutschland unter dem Heilpraktikergesetz, in Österreich unter dem Psychotherapiegesetz beziehungsweise dem Gewerbe der Lebens- und Sozialberatung, in der Schweiz je nach Kanton unterschiedlich. Essstörungen, Depressionen, Angststörungen und Zwänge gehören in fachlich zuständige Hände. Der Fall des Mädchens oben ist Therapie, kein Coaching. Wenn Du unsicher bist, wo Deine Arbeit einzuordnen ist, hilft Hypnose-Coach oder Hypnotherapeut und der Überblick zum Rechtsrahmen im DACH-Raum weiter.

Vier Schritte, wenn Du es sauber machen willst

  1. Funktion verstehen. Wozu ist das Symptom gut? Was hält es aufrecht, was verhindert es? Stefan Hammel hat dem Thema ein ganzes Handbuch gewidmet, und der Kern lässt sich in einer Frage zusammenfassen: Wofür ist das gerade nützlich?
  2. Auftrag formulieren. Konkret, klein, terminiert. Wann, wo, wie lange, in welcher Form. Ein präziser Auftrag ist der halbe Effekt.
  3. Beobachtung mitgeben. Was genau soll er bemerken? Der Beobachtungsauftrag ist wichtiger als das Ergebnis. Er sorgt dafür, dass jeder Ausgang verwertbar ist.
  4. Auswerten, ohne zu bewerten. Es hat geklappt: gut. Es hat nicht geklappt: auch gut, dann weißt Du etwas Neues über die Bedingungen. Es gibt hier kein Scheitern, nur Information.

Wenn Du solche Muster systematisch aufbauen willst, ist der Hypnose-Practitioner der Ort dafür. Wir üben dort genau diese Formulierungen live, mit Feedback, an echten Anliegen. Und wenn Du erst einmal für Dich allein einsteigen willst, gibt es das kostenlose Hypnose-Workbook mit Übungen zum Mitmachen.

Angenommen, Du probierst diese Woche eine einzige kleine Verschreibung aus, bei Dir selbst. Welches Muster würdest Du wählen? Und was würdest Du dabei gern über Dich herausfinden?

Häufige Fragen

Was ist eine Symptomverschreibung?

Eine Symptomverschreibung ist die Aufforderung, ein unerwünschtes Verhalten oder Erleben absichtlich herzustellen, zu einer festgelegten Zeit und in einem klaren Rahmen. Das Symptom wechselt dadurch von unwillkürlich zu willkürlich, und das verändert seine Stellung im ganzen System.

Was ist der Unterschied zwischen Symptomverschreibung und paradoxer Intention?

Die paradoxe Intention stammt aus Viktor Frankls Logotherapie und arbeitet vor allem mit der Erwartungsangst: Wer sich das Gefürchtete ausdrücklich wünscht, nimmt der Angst ihre Grundlage. Die Symptomverschreibung im Erickson'schen Sinn ist breiter angelegt und zielt auf das gesamte Muster samt Umfeld, wie der Anorexie-Fall zeigt, in den Erickson die Mutter mit einbezieht. In der Praxis überschneiden sich beide deutlich.

Ist Symptomverschreibung Manipulation?

Das hängt an der Richtung, nicht an der Technik. Wenn Ziel und Rahmen offen besprochen sind und das Ziel dem Klienten gehört, ist es Zusammenarbeit. Sobald jemand ohne Wissen des anderen in eine Richtung bewegt wird, die dieser nicht gewählt hat, ist die Grenze überschritten. Der Abtreibungsfall aus Ericksons Fallbuch ist genau dieser Grenzfall, und er ist der Grund, warum ich die Methode immer erkläre, bevor ich sie einsetze.

Darf ich Symptomverschreibung als Coach anwenden?

Bei Alltagsthemen ohne Krankheitswert ja: Aufschieben, Grübeln, Lampenfieber, Gewohnheiten. Bei Beschwerden mit Krankheitswert nein, dort gilt in Deutschland das Heilpraktikergesetz, in Österreich das Psychotherapiegesetz beziehungsweise die Lebens- und Sozialberatung, in der Schweiz die jeweilige kantonale Regelung. Im Zweifel abgeben oder gemeinsam mit einer fachlich zuständigen Person arbeiten.

Was mache ich, wenn die Verschreibung nicht funktioniert?

Dann hast Du etwas gelernt. Wenn jemand das Symptom auf Auftrag nicht hinbekommt, ist das ein sehr guter Befund, denn es zeigt, dass es an Bedingungen hängt, die sich benennen lassen. Frag nach: Was war anders? Woran hat es gelegen? In den meisten Fällen liegt darin schon der nächste Schritt.

Quelle

  • Erickson, M. H., & Rossi, E. L. (2016). Hypnotherapie (Leben Lernen, Bd. 49): Aufbau - Beispiele - Forschungen. Klett-Cotta.
  • Haley, J. (2006). Die Psychotherapie Milton H. Ericksons. Klett-Cotta.
  • Hammel, S. (2011). Handbuch der therapeutischen Utilisation (Leben Lernen, Bd. 239): Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta.
  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
  • Watzlawick, P., Beavin, J., & Jackson, D. (2016). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Hogrefe.

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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