Gewohnheiten auflösen mit Hypnose: Luftbild einer breiten geraden Autobahn im Abendlicht, daneben eine schmale gewundene Landstraße durch Felder
Die alte Gewohnheit ist die Autobahn. Die neue ist die Landstraße. Deshalb reicht ein guter Vorsatz selten.

Gewohnheiten auflösen: drei Schritte mit Hypnose

Ein Klient sitzt mir gegenüber und rechnet vor: 35 Versuche abzunehmen. Ungefähr hundert Anläufe, weniger Zucker zu essen. Jedes Mal ein paar Wochen Disziplin, dann ein Abend, an dem etwas schiefgegangen ist, und alles ist wieder beim Alten.

Ich (Marian Zefferer) höre diese Rechnung oft. Und sie sagt etwas Wichtiges: Da ist ein Teil in ihm, der 35 zu 0 gewonnen hat. Dieser Teil ist mächtig. Wer so einen Gegner hat, braucht einen besseren Plan als Willenskraft.

Dafür musst Du übrigens nicht die Augen schließen. Es gibt keine Trance, in die Du Dich legst, und niemand pendelt über Dir. Es sind drei konkrete Schritte, die Du mit offenen Augen gehen kannst. Hochgradig hypnotisch wirken sie trotzdem.

Das ganze Thema habe ich auch im Video erklärt:

Warum Willenskraft die falsche Währung ist

Der klassische Weg heißt ankämpfen. Du nimmst Dir etwas vor, Du hältst durch, Du beißt die Zähne zusammen. Das funktioniert, solange der Wille reicht.

Irgendwann ist er aufgebraucht. Dann gewinnt das Unbewusste. Früher oder später verlieren wir diesen Kampf immer, und beim Thema Essen führt er meistens dazu, dass noch mehr gegessen wird.

Deshalb lautet die Grundhaltung in der Hypnose: Geh mit dem, was da ist. Dieselbe Logik steckt hinter dem Kooperationsprinzip. Widerstand entsteht, wenn Du gegen etwas drückst. Er verschwindet, wenn Du mitgehst.

Schritt 1: Das Muster würdigen

Hypnotisches Arbeiten ist ressourcenorientiert. Die erste Frage lautet also: Was funktioniert schon? Und: Wie läuft das bisherige Muster genau ab?

Bei einem Essmuster hört sich das meistens so an. Ich esse, wenn ich mich schlecht fühle. Wenn ich mich belohnen will. Wenn etwas schiefgegangen ist. Nach einem Gespräch, das mich gestresst hat.

Das ist ein Bedürfnis, das sich äußert. Das System reguliert sich selbst, über Essen, über Zucker, über was auch immer gerade verfügbar ist. Diese Leistung bekommt in Schritt eins Anerkennung. Das ist kein Technik-Trick, so etwas wäre schnell durchschaubar. Es trifft sachlich zu: Das Muster hat jahrelang eine Aufgabe erfüllt.

Wenn Du das vertiefen willst: Symptome als Lösungsversuche zeigt dieselbe Haltung an weiteren Beispielen, und das Utilisationsprinzip beschreibt, wie Du aus dem Vorhandenen Deinen Arbeitsstoff machst.

Schritt 2: Den Hebel finden

Steht das Bedürfnis fest, ist der Hebel da. Angenommen, dahinter steckt der Wunsch, beschützt und geborgen zu sein. Dann heißt die Frage:

Wie kannst Du dieses Bedürfnis anders und besser erfüllen?

Was auch immer die Antwort ist, das baut Ihr auf. Oft entsteht eine richtige Liste: ein Powernap. Gedanken aufschreiben. Mit einem Freund telefonieren. Ein kleines Ritual am Abend. Wie solche Rituale wirken, habe ich in Therapeutische Rituale im Coaching ausführlich beschrieben.

Die Frage nach dem Bedürfnis dahinter ist eine von mehreren Türen. Du kannst auch nach dem Wert fragen, der im Muster steckt. Der Weg über die positive Absicht führt zum selben Punkt.

Warum zwei Schritte oft nicht reichen

Jetzt kommt der Haken. Wäre es so leicht, könntest Du hier aufhören zu lesen. Manchmal klappt es tatsächlich. Oft eben nicht.

Stell Dir vor, Du isst seit 20 oder 30 Jahren so, wie Du isst. Und dann soll eine gut gemeinte Frage nach dem Bedürfnis das ändern. In Dir sitzt ein Teil, der das kommentiert: „Ganz ehrlich, Marian, ich mache das seit 30 Jahren, und jetzt soll diese Frage helfen?"

Dafür gibt es zwei Gründe.

Der erste ist Training. Stell Dir eine Autobahn von Klagenfurt nach Berlin vor. Sie fährt schnurgerade durch. Und nun sagt Dir jemand, Du sollst sie bitte nicht mehr benutzen. Fahr lieber Landstraße. Begründung: Die Unfallquote auf der Autobahn ist hoch, weil die Strecke so gerade ist.

Was sagen die meisten Leute? „Ich bin ja nicht bescheuert. Die Autobahn ist der schnellste Weg." Genau so argumentiert ein 30 Jahre altes Muster. Es ist gut ausgebaut, und es weiß das.

Der zweite Grund liegt auf der Beziehungsebene. Hinter einem dysfunktionalen Muster steckt fast immer eine dysfunktionale Beziehung. Beziehung meint hier mehr als Dein Verhältnis zu anderen Menschen. Es geht auch um Dein Verhältnis zum Problem und zu Deinen inneren Anteilen. Gunther Schmidt hat für diesen Blick die Formulierung von den Liebesaffären zwischen Problem und Lösung geprägt.

Und eine solche Beziehung bereinigt keine Bedürfnisfrage.

Schritt 3: Eine gute Beziehung zu allen Anteilen

Also frage ich nach: Angenommen, Du machst das jetzt alles. Was könnten Gründe sein, warum es trotzdem scheitert?

Meistens bringen Klienten das von selbst ein. Und was dann hochkommt, hat mit Essen überhaupt nichts zu tun.

  • „Wenn das jetzt funktionieren würde, wäre das total bescheuert. Ich probiere es seit 20 Jahren." Das ist eine Abwertung gegen sich selbst.
  • Ein Klient sagte mir einmal: „Wenn das so einfach klappt, fühle ich mich schlecht. Dann bin ich als Coach selber nicht draufgekommen. Das ärgert mich."
  • Oder, sehr häufig: „Super, wenn es klappt. Dann hält dieser bescheuerte Teil endlich die Klappe."

Die letzte Variante klingt nach Zustimmung. Sie ist trotzdem eine schlechte Startposition für eine dauerhafte Veränderung. Denn ein Anteil wird gerade zum Feind erklärt.

Paraphrasieren, bis die Schärfe rausgeht

Mein erster Zug ist Paraphrasieren. Ich gebe zurück, was die Person gesagt hat, eine Spur milder als im Original:

„Du hast ein starkes Bedürfnis, dass dieser Teil, der so übermäßig ist, sich zurückhält."

Meistens kommt ein Ja. Und dann kommt noch mehr: „Es nervt mich echt. Das begleitet mich schon so lange." Also paraphrasiere ich auch das. „Das begleitet Dich schon lange. Es nervt Dich."

Nach zwei, drei Runden wird die Abwertung schwächer. Der Grund ist einfach: Der Mensch fühlt sich gehört. Die Sprache für diese inneren Stimmen liefert das Seitenmodell im Coaching.

Die Frage, die in 90 Prozent der Fälle sitzt

Jetzt webe ich die positive Beziehung ein. Die Frage lautet:

„Dieser Teil hatte in den letzten Jahren sehr viel Einfluss auf Dich. Was wird die Konsequenz sein, wenn Du ihm sagst: Halt die Klappe? Wird Dein Ziel, Dich gesund zu ernähren, dadurch eher besser oder eher schlechter erfüllt?"

Wenn das Paraphrasieren gut vorbereitet war, kommt bei etwa neun von zehn Leuten an dieser Stelle eine Einsicht.

Kommt sie nicht, gehe ich einen Schritt zurück und führe es stärker aus:

„Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hat dieser Teil die letzten 25 Jahre Dein Essverhalten bestimmt, ob Du wolltest oder nicht. Du wolltest abnehmen, 35 Mal probiert. Du wolltest weniger Zucker, an die hundert Mal probiert. Dieser Teil ist also sehr mächtig. Sind wir uns da einig?"

Darauf folgt fast immer ein Okay. Und dann:

„Wenn Du diesem mächtigen Teil jetzt sagst, halt die Fresse: Macht ihn das stärker oder schwächer?"

Ich hatte noch niemanden, der an dieser Stelle gesagt hätte, das macht ihn schwächer. Oft reicht sogar die einfache Nachfrage: Wie war das bisher, wenn Du gegen diesen Teil gekämpft hast? Hast Du gewonnen? Wer gewonnen hätte, sitzt nicht im Coaching. Das ist eine Einbahnstraße.

Wenn Wut und Trauer hochkommen

Manchmal kommt an dieser Stelle Trauer. Manchmal Wut. Dann ist Arbeit mit Emotionen dran: aushalten, was da ist, und es sein lassen. Manchmal darf die Wut auch raus, mit einem Schläger auf ein Polster.

Das Endergebnis ist immer dasselbe: eine gute Verbindung zu allen Anteilen. Solange Du einen Anteil nicht leiden kannst, wird es extrem schwierig, eine Gewohnheit aufzulösen. Prüf das an Deinen Alltagsbeziehungen. Menschen, die Du nicht leiden kannst oder die Dich nicht mögen: Habt Ihr da Einfluss aufeinander? Wahrscheinlich wenig.

Die Kernthese: Ein Muster löst sich dann, wenn alle beteiligten Anteile auf Deiner Seite stehen. Ein Anteil, den Du zum Schweigen bringen willst, bleibt so mächtig, wie er die ganze Zeit war.

Die drei Schritte als Ablauf

  1. Würdigen. Problem und Ressourcen identifizieren. Wann läuft das Muster, und welches Bedürfnis erfüllt es?
  2. Hebel setzen. Wie lässt sich dieses Bedürfnis anders und besser erfüllen? Alternativen sammeln und aufbauen.
  3. Beziehung herstellen. Zu allen relevanten Anteilen. Abwertungen auflösen, bevor Du den neuen Weg erwartest.

Im Coaching ist das komplexer, und es gibt immer Seitenwege. Stehen diese drei Schritte aber, ist der Weg frei.

Welche Prinzipien hier greifen

Drei meiner 8 hypnotischen Prinzipien tragen diesen Ablauf:

  • Kooperation. Du gehst mit dem Muster, statt dagegen zu drücken.
  • Utilisation. Das alte Verhalten ist Dein Material. Es zeigt Dir, welches Bedürfnis bedient werden will.
  • Wiederholung. Die Autobahn ist durch Wiederholung entstanden. Die Landstraße wird es auch nur dadurch.

Dass das alles ohne geschlossene Augen funktioniert, passt zur Non-State-Sicht auf Hypnose: Hypnose ist wirksame Kommunikation.

Was die Forschung dazu sagt

Für das Beispiel Gewicht gibt es Zahlen. Milling, Gover und Moriarty haben 2018 vierzehn randomisierte Studien zusammengefasst und am Behandlungsende eine Effektstärke von d = 1,58 gefunden. Im Follow-up lag sie bei d = 0,88. Die Details habe ich in der Einzelbesprechung der Milling-Metaanalyse aufgeschlüsselt, inklusive der Frage, gegen wen da eigentlich verglichen wurde.

Diese Studie ist eine von über 300 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick.

Ehrliche Einordnung

Drei Einschränkungen gehören dazu.

Zu genau dieser Dreischritt-Abfolge gibt es keine kontrollierte Studie. Die Evidenz betrifft Hypnose bei Gewicht oder Rauchen als Verfahren, nicht meine Reihenfolge aus Würdigung, Hebel und Beziehungsarbeit. Das ist Praxiswissen aus Ausbildung und Coaching.

Die Einsichtsquote von neun aus zehn ist meine Erfahrung, keine Messung. Sie hängt stark davon ab, wie sorgfältig vorher paraphrasiert wurde.

Manche Themen gehören in fachliche Hände. Essstörungen, Suchterkrankungen und Depressionen sind Behandlungsfälle. In Deutschland gilt das Heilpraktikergesetz, in Österreich das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz regeln es die Kantone. Als Coach arbeitest Du an Gewohnheiten gesunder Menschen, und Du erkennst, wann Du weiterverweist.

Häufige Fragen

Brauche ich dafür eine Trance mit geschlossenen Augen? Nein. Die drei Schritte laufen im Gespräch. Einzelne Teile kannst Du mit geschlossenen Augen vertiefen, zum Beispiel die Arbeit mit Emotionen. Nötig ist es nicht.

Was ist, wenn ich keinen Anteil in mir spüre? Dann arbeite über Sätze statt über Bilder. Ein Satz wie: Ein Teil von mir will abnehmen, ein anderer will abends in Ruhe etwas Süßes. Das reicht als Einstieg. Mehr dazu im Ambivalenzcoaching.

Kann ich die drei Schritte allein mit mir machen? Schritt eins und zwei gut. Bei Schritt drei fehlt Dir die Außenperspektive, weil die eigenen Abwertungen schwer zu hören sind. Dafür lohnt ein Gegenüber.

Wie lange dauert es, bis die neue Gewohnheit trägt? Das variiert stark. Verlässlicher als eine Wochenzahl ist dieses Signal: Sobald Du über den alten Anteil ohne Ärger sprechen kannst, ist der schwierige Teil erledigt.

Gilt das auch fürs Rauchen? Ja, und dort besonders. Warum der bremsende Anteil beim Rauchstopp so stark ist, habe ich in Warum Rauchen aufhören nicht klappt auseinandergenommen.

Dein nächster Schritt

Angenommen, Du nimmst Dir eine einzige Gewohnheit vor, die Dich schon lange begleitet. Welche wäre das? Und welchem Anteil in Dir würdest Du als Erstes zuhören, statt ihn zu überstimmen?

Wenn Du die Sprache dazu systematisch lernen willst: Im Hypnose-Practitioner üben wir genau diese drei Schritte an echten Fällen. Und zum Einlesen gibt es mein kostenloses Hypnose-Workbook.

Quelle

  • Hammel, S. (2011). Handbuch der therapeutischen Utilisation (Leben Lernen, Bd. 239): Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta.
  • Hammel, S. (2021). Alles neu gerahmt!: Psychische Symptome in ungewöhnlicher Perspektive. Ernst Reinhardt Verlag.
  • Milling, L. S., Gover, M., & Moriarty, C. L. (2018). The effectiveness of hypnosis as an intervention for obesity: A meta-analytic review. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice, 5, 29-45. https://doi.org/10.1037/cns0000139
  • Peichl, J. (2018). Einführung in die hypnosystemische Teiletherapie. Carl-Auer Verlag GmbH.
  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH.
  • Schmidt, G. (2023). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung: Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Carl-Auer Verlag GmbH.

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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