Aufgeschlagenes Buch im warmen Abendlicht auf einem ruhigen Holztisch
Stephen Gilligans "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" - Marians Rezension

Gilligan "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" (Buchrezension)

Manche Bücher gibst Du nach dem Lesen weiter, weil sie ein Werkzeug enthalten. Andere gibst Du weiter, weil sie Deine Haltung verändern. Stephen Gilligans "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" gehört für mich (Marian Zefferer) klar zur zweiten Sorte. Es ist ein sehr gutes, sehr philosophisches Fachbuch über die Beziehung zu sich selbst, und genau diese tiefe Haltung schätze ich daran besonders.

Worum es geht

Gilligan war einer der ersten NLP-Schüler in Santa Cruz und später einer der wichtigsten Schüler von Milton Erickson. In diesem Buch entwickelt er die Psychotherapie der Selbstbeziehung. Der Kern ist eine Haltung: Liebe wird nicht als Gefühl beschrieben, das einem zufällt, sondern als Fähigkeit, mit sich und anderen in Kontakt zu gehen. Gilligan schreibt schön, fast poetisch, und er belegt seine Gedanken mit wirklich guten Beispielen.

Weil das Buch stärker um die Haltung kreist als um eine Methode, ist der rote Faden nicht immer ganz scharf. Das ist meine einzige kleine Einschränkung, und sie ist eher eine Frage des Charakters dieses Buches als ein Mangel. Du liest es nicht, um eine Technik abzuarbeiten, sondern um eine Art zu denken aufzunehmen.

Meine ehrliche Lese-Erfahrung

Drei Gedanken sind mir besonders geblieben.

Der erste ist Gilligans Idee, eine innere Position immer zuerst zu würdigen. Wenn jemand sagt "das Leben nervt", dann wird dieser Standpunkt nicht weggeredet. Gilligan würdigt ihn, aktiviert daneben die ergänzende Wahrheit ("das Leben ist auch schön") und sucht einen Weg, beides gleichzeitig zu spüren. Aus dem Nebeneinander zweier scheinbar widersprüchlicher Wahrheiten entsteht etwas Drittes, ein Zustand, der nicht mehr rein verstandesmäßig zu fassen ist. Das ist eng verwandt mit dem, was ich im Seitenmodell im Coaching beschreibe.

Der zweite Gedanke ist die Aufmerksamkeit auf drei Punkten: ein innerer Punkt im Bauch oder im Herzen und zwei Punkte im Außen. Daraus entsteht ein weicher, geerdeter Fokus, der weder im Kopf gefangen ist noch sich im Außen verliert. Eine einfache, sehr brauchbare Übung für jeden, der mit Menschen arbeitet.

Der dritte Gedanke ist Gilligans Lesart von Ericksons Utilisation als "Mut zu lieben". Gemeint ist die Bereitschaft, alles anzunehmen, was der Klient einbringt, statt es zu bekämpfen. Gilligan illustriert das mit einer Geschichte von Erickson und einer Patientin mit einer lächelnden Depression. Erickson nimmt ihr freundliches Angebot nicht einfach an der Oberfläche an, sondern öffnet über alltägliche Dinge wie Kochen und Comics einen neuen Zugang zu ihr. Wer Erickson mag, findet hier eine schöne, sehr menschliche Seite seiner Arbeit, mehr dazu in meinem Artikel über Milton H. Erickson.

Schön fand ich auch, dass Gilligan Virginia Satirs zwei einfache Fragen aufgreift: "Wie empfinden Sie das?" und "Was empfinden Sie dabei, dies zu empfinden?". Zwei Sätze, die einen Menschen sehr behutsam in die eigene Tiefe führen.

Für wen ist das Buch geeignet

  • Coaches, Therapeuten und Berater, die ihre innere Haltung vertiefen wollen, nicht nur ihre Techniksammlung
  • Erickson-Interessierte, die die menschliche und philosophische Seite seiner Arbeit kennenlernen möchten
  • Alle, die sich mit Selbstbeziehung und der Psychotherapie dahinter ernsthaft auseinandersetzen wollen

Für wen ist es nicht das richtige Buch? Wer eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit klaren Techniken sucht, wird hier weniger fündig. Das Buch arbeitet über Haltung und Beispiele, nicht über ein Methodengerüst. Das ist seine Eigenart, und wer das weiß, liest es mit dem richtigen Erwartungsbild.

Mein Fazit

"Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" ist ein nachdenkliches, sprachlich schönes Buch, das die Beziehung zu sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Es liefert Dir keine Checkliste, aber es verändert, wie Du Deinen Klienten und Dir selbst begegnest. Für alle, die in die Tiefe der eigenen Haltung wollen, ist es eine klare Empfehlung.

Wenn Du die praktische Seite der hypnotischen Arbeit dazu aufbauen willst, findest Du die Grundlagen in meinem kostenlosen Hypnose-Workbook. Und wenn Du Haltung und Methode gemeinsam üben willst, mit Feedback und Praxistransfer, ist mein Hypnose-Practitioner-Online-Training der passende Ort dafür.

Was Du dazu lesen kannst

Häufige Fragen

Worum geht es in "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten"?

Um die Psychotherapie der Selbstbeziehung. Gilligan beschreibt Liebe als Fähigkeit und Haltung, mit der man inneren Positionen begegnet, sie würdigt und ergänzende Wahrheiten daneben hält.

Ist das ein praktisches Übungsbuch?

Nur teilweise. Es enthält brauchbare Übungen wie die Aufmerksamkeit auf drei Punkten, ist im Kern aber ein Buch über Haltung und Denken, nicht über ein Methodengerüst.

Für wen ist das Buch geeignet?

Für Coaches, Therapeuten und alle, die ihre innere Haltung vertiefen wollen, sowie für Erickson-Interessierte, die die menschliche Seite seiner Arbeit kennenlernen möchten.

Was hat das Buch mit Erickson zu tun?

Gilligan war einer von Ericksons wichtigsten Schülern. Er deutet Ericksons Utilisation als Bereitschaft, alles anzunehmen, was der Klient einbringt, und illustriert das mit Erickson-Geschichten.

Quelle

  • Gilligan, S. G. (2010). Liebe dich selbst wie deinen Nächsten: Die Psychotherapie der Selbstbeziehung (B. von Bechtolsheim, Übers.). Carl-Auer Verlag. (Originalwerk publiziert 1997)

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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