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Kinderbauchweh: 68 Prozent nach fast 5 Jahren
Ein Kind war elf, als es sechs Mal über einen Fluss in seinem Bauch gesprochen hat. Jetzt ist es sechzehn und füllt noch einmal dasselbe Schmerztagebuch aus wie damals. Es trägt eine 2,3 ein. Ein Kind aus der Vergleichsgruppe von damals trägt im selben Zeitraum eine 7,1 ein. Zwischen der letzten Sitzung und diesem Eintrag liegen fast fünf Jahre.
68 gegen 20 Prozent in Remission. Das ist die Zahl, die 2012 im American Journal of Gastroenterology steht. Ich (Marian Zefferer) halte diese Nachuntersuchung für die wichtigste Ergänzung zur bekanntesten Kinderstudie der Hypnoseforschung, weil sie die Frage beantwortet, die bei jeder guten Zahl kommt: Hält das? Diese Studie ist eine von über 300 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick.
Was untersucht wurde
2007 hatte eine Gruppe um Arine Vlieger und Marc Benninga in den Niederlanden 52 Kinder mit funktionellen Bauchschmerzen oder Reizdarm randomisiert. 27 bekamen sechs Sitzungen darmgerichtete Hypnotherapie über drei Monate, 25 die übliche medizinische Versorgung plus sechs unterstützende Gespräche. Nach einem Jahr galten 85 Prozent der Hypnosegruppe als erfolgreich behandelt, gegenüber 25 Prozent. Das steht ausführlich in meinem Artikel zur Referenzstudie zu Hypnose bei Kinderbauchweh.
Fünf Jahre später lud dieselbe Gruppe alle 52 Kinder erneut ein. Alle 27 Kinder aus der Hypnosegruppe machten mit, aus der Kontrollgruppe 22 von 25. Zwei waren nicht mehr erreichbar, eines wollte nicht.
Im Mittel lag die Behandlung 4,8 Jahre zurück, bei einzelnen Kindern 3,4 Jahre, bei anderen 6,7. Sie füllten dasselbe standardisierte Schmerztagebuch aus wie damals, mit Häufigkeit und Intensität der Schmerzen. Dazu kamen ein Fragebogen zu körperlichen Beschwerden allgemein, der Children's Somatization Inventory, und ein Fragebogen zur Lebensqualität.
Remission hieß: mindestens 80 Prozent weniger Schmerz gegenüber dem Ausgangswert von damals. Eine harte Schwelle.
Was herauskam
68 Prozent der Hypnose-Kinder lagen nach fast fünf Jahren noch über dieser Schwelle. In der Kontrollgruppe 20 Prozent. Der Unterschied war mit P gleich 0,005 statistisch eindeutig.
Die Tagebuchwerte dahinter:
- Schmerzintensität: 2,8 gegenüber 7,3
- Schmerzhäufigkeit: 2,3 gegenüber 7,1
- Somatisierung: 15,2 gegenüber 22,8
Die ersten beiden Abstände waren mit P kleiner 0,01 abgesichert, der dritte mit P gleich 0,04.
Rechne die 68 gegen 20 Prozent einmal um. Der Abstand beträgt 48 Prozentpunkte. Damit ist bei etwa jedem zweiten behandelten Kind der beschwerdefreie Zustand fünf Jahre später auf die sechs Hypnosesitzungen zurückzuführen. Zwei Kinder behandeln, eines kommt dauerhaft heraus. Solche Zahlen findest Du in der Psychotherapieforschung selten.
Eine Einschränkung nennen die Autoren gleich mit: Bei Lebensqualität, Arztbesuchen und Fehltagen in Schule oder Arbeit fand sich zwischen den Gruppen kein Unterschied. Was messbar besser war, waren die Schmerzen selbst.
Dass dieser Befund kein Ausreißer ist, zeigt die Netzwerk-Meta-Analyse von 2025: Über 91 randomisierte Studien hinweg steht Hypnotherapie bei diesem Krankheitsbild mit einem Risikoverhältnis von 4,99 an der Spitze aller geprüften Behandlungen.
Sechs Gespräche, fünf Jahre Wirkung. Dazwischen hat niemand nachbehandelt.
Was das für Deine Praxis heißt
Eine Wirkung, die fünf Jahre nach der letzten Sitzung noch messbar ist, kommt daraus, dass das Kind etwas mitgenommen hat und weiter benutzt. Genau das ist das Prinzip der Wiederholung aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Was sich einprägt, ist das, was oft genug wiederkommt.
Belegt wird das von derselben Forschungsgruppe: 2017 verglich sie an 260 Kindern Übungen von einer Audioaufnahme zu Hause mit Sitzungen beim Therapeuten. Nach einem Jahr standen 62 gegen 71 Prozent Erfolg, statistisch gleichwertig. Das Üben selbst trägt also einen großen Teil des Effekts.
Für Dein nächstes Gespräch heißt das: Sichere die Wiederholung ab, bevor das Kind den Raum verlässt. Ein Satz dafür:
„Wann üben wir das von jetzt an? Jeden Abend vor dem Einschlafen oder lieber jeden Morgen beim Zähneputzen?"
Die Frage stellt zur Wahl, wann geübt wird. Dass geübt wird, steckt schon im Satz. Und sie koppelt die Übung an etwas, das sowieso jeden Tag passiert, damit sie nicht erst erinnert werden muss.
Das Bild selbst liefert weiterhin das Kind. Ein Fluss, ein Knoten, ein Ventil. Wie Du daraus etwas baust, das für ein Kind tragfähig ist, steht in Sinnesaktivierung in der Hypnose. Mehr zu dieser Altersgruppe findest Du unter Hypnose bei Kindern, zur Einordnung der Beschwerden in Hypnose beim Reizdarmsyndrom.
Grenzen der Studie
49 Kinder sind wenig. Bei dieser Größe steht hinter den 68 Prozent eine Gruppe von 18 Kindern und hinter den 20 Prozent eine von vier. Ein einzelnes Kind verschiebt das Ergebnis um rund vier Prozentpunkte.
Niemand war verblindet, und die Tagebücher kamen von den Betroffenen selbst. Bei einem Symptom, das nur der Betroffene spürt, geht das kaum anders. Wer weiß, dass er damals die interessantere Behandlung bekommen hat, trägt möglicherweise etwas anders ein.
Der größte Vorbehalt steckt in den fünf Jahren selbst. Was in dieser Zeit passiert ist, hat niemand kontrolliert: andere Behandlungen, Schulwechsel, Pubertät, der Umstand, dass funktionelle Bauchschmerzen bei manchen Kindern mit dem Älterwerden von allein verschwinden. Die Studie zeigt einen Abstand zwischen zwei Gruppen nach fünf Jahren. Sie kann nicht zeigen, was in diesen fünf Jahren den Abstand gehalten hat.
Und der Befund hat eine Lücke: Lebensqualität, Arztbesuche und Fehltage unterschieden sich nicht. Weniger Schmerz heißt in dieser Arbeit noch nicht messbar mehr Alltag.
Bauchweh bei Kindern gehört zuerst in ärztliche Abklärung. Funktionelle Bauchschmerzen sind eine Ausschlussdiagnose. Als Coach arbeitest Du daneben, am Umgang mit den Beschwerden, mit Einverständnis der Eltern. Wo Hypnose im medizinischen Umfeld sauber dazukommt, zeigt Hypnose in der Medizin.
Häufige Fragen
Wie lange hält die Wirkung von Hypnose bei Bauchschmerzen von Kindern? In der Nachuntersuchung von Vlieger und Kollegen aus dem Jahr 2012 waren nach durchschnittlich 4,8 Jahren noch 68 Prozent der behandelten Kinder in Remission, gegenüber 20 Prozent nach Standardbehandlung. Remission hieß mindestens 80 Prozent weniger Schmerz gegenüber dem Ausgangswert.
Warum ist der Unterschied nach fünf Jahren kleiner als nach einem Jahr? Nach einem Jahr lagen die Werte bei 85 gegenüber 25 Prozent, nach 4,8 Jahren bei 68 gegenüber 20 Prozent. Beide Gruppen verlieren über die Jahre etwas, der Abstand bleibt mit 48 Prozentpunkten aber praktisch gleich groß. Dazu kommt, dass die Schwelle für Remission 2012 strenger gefasst war.
Mussten die Kinder dafür in Trance gehen? Nein. Gewirkt haben Sprache und innere Bilder, die das Kind selbst entwickelt hat, und das wiederholte Üben damit. Ein besonderer Zustand ist dafür keine Voraussetzung, wie die State- und Non-State-Theorie zeigt.
Fazit
Sechs Gespräche im Alter von elf. Fünf Jahre später sind zwei von drei Kindern noch beschwerdefrei, in der Vergleichsgruppe eines von fünf. Für mich ist die Nachuntersuchung deshalb so wichtig, weil sie zeigt, wo die Wirkung sitzt: in dem, was das Kind nach der letzten Sitzung jeden Tag weiter macht.
Angenommen, Du baust ab morgen in jedes Gespräch eine Frage danach ein, wann geübt wird. Was würde sich bei Deinen Klienten über ein Jahr verändern?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Vlieger, A. M., Rutten, J. M. T. M., Govers, A. M. A. P., Frankenhuis, C., & Benninga, M. A. (2012). Long-Term Follow-Up of Gut-Directed Hypnotherapy vs. Standard Care in Children With Functional Abdominal Pain or Irritable Bowel Syndrome. The American Journal of Gastroenterology, 107(4), 627-631. https://doi.org/10.1038/ajg.2011.487
- Vlieger, A. M., Menko-Frankenhuis, C., Wolfkamp, S. C., Tromp, E., & Benninga, M. A. (2007). Hypnotherapy for Children With Functional Abdominal Pain or Irritable Bowel Syndrome: A Randomized Controlled Trial. Gastroenterology, 133(5), 1430-1436. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2007.08.072
- Rutten, J. M. T. M., Vlieger, A. M., Frankenhuis, C., George, E. K., Groeneweg, M., Norbruis, O. F., Tjon a Ten, W., van Wering, H. M., Dijkgraaf, M. G. W., Merkus, M. P., & Benninga, M. A. (2017). Home-based hypnotherapy self-exercises vs individual hypnotherapy with a therapist for treatment of pediatric irritable bowel syndrome, functional abdominal pain, or functional abdominal pain syndrome: A randomized clinical trial. JAMA Pediatrics, 171(5), 470-477. https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2017.0091
- Sinopoulou, V., Groen, J., Gordon, M., Mougey, E. H., Franciosi, J. P., de Meij, T. G. J., Tabbers, M. M., & Benninga, M. A. (2025). Efficacy of interventions for the treatment of irritable bowel syndrome, functional abdominal pain-not otherwise specified, and abdominal migraine in children: A systematic review and network meta-analysis. The Lancet Child & Adolescent Health, 9(5), 315-324. https://doi.org/10.1016/S2352-4642(25)00058-6
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Studien im Überblick — Der Pillar-Artikel: über 300 Hypnose-Studien nach Anwendungsgebiet sortiert, mit Einordnung der Evidenz.
- Kinderbauchweh: 85 gegen 25 Prozent nach einem Jahr — Studien-Spoke zum Pillar: Randomisierte kontrollierte Studie Vlieger et al. 2007 in Gastroenterology, 53 Kinder von 8...
- Kinderbauchweh: Hypnose wirkt 5-fach besser — Studien-Spoke zum Pillar: Netzwerk-Meta-Analyse Sinopoulou et al. 2025 im Lancet Child & Adolescent Health, 91 random...
- Blasenuntersuchung: 14 Minuten kuerzer mit Hypnose — Studien-Spoke zum Pillar: Randomisierte Studie Butler, Symons, Henderson, Shortliffe & Spiegel 2005 in Pediatrics (Ba...
- Bauchschmerz bei Reizdarm: Was 42 Studien über Hypnose sagen — Netzwerk-Meta-Analyse Goodoory et al. 2024 in Gastroenterology: 42 randomisierte Studien mit 5.220 Reizdarm-Patienten...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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