Aufgeschlagenes Buch mit Erickson-Geschichten auf einem warmen Holztisch
Sidney Rosens "Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson" - meine Rezension

Rosen "Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson" (Buchrezension)

Sidney Rosens "Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson" ist für mich (Marian Zefferer) ein Storytelling-Schatz. Das Buch besteht ausschließlich aus Geschichten, die Erickson selbst erzählt hat - eine nach der anderen. Genau das macht es so wertvoll: Du liest echtes Erickson-Erzählmaterial, kein Sekundärkommentar.

Worum es geht

Sidney Rosen hat in jahrelanger Arbeit Geschichten gesammelt, die Milton Erickson seinen Klienten, Studenten und Supervisanden erzählt hat. Anders als bei vielen Erickson-Büchern ist hier nicht das System der Methoden im Vordergrund. Im Vordergrund stehen die Stories. Und zu jeder Geschichte ist im Buch erklärt, in welchem Kontext sie erzählt wurde und welche Wirkung sie entfaltet hat.

Das Buch ist damit kein Methodenbuch, sondern eine kuratierte Sammlung von Veränderungs-Geschichten. Genau das mag ich daran. Du bekommst nicht "wie macht man Hypnose", sondern "so klingt es, wenn ein Meister erzählt".

Was das Buch besonders macht

Authentisches Erickson-Material

Bei Rosen liest Du keine umgeschriebenen oder ausgeschmückten Versionen. Die Geschichten sind so, wie Erickson sie tatsächlich erzählt hat. Manche sind kurz und sofort verständlich, andere brauchen Kontext - und genau diesen Kontext liefert Rosen mit. Das ist der eigentliche Wert des Buches.

Ich gebe ein Beispiel aus meiner eigenen Lese-Erfahrung. Manche Geschichten habe ich beim ersten Lesen gar nicht ganz erfasst. Erst nachdem ich andere Bücher gelesen, weitere Hintergründe bekommen und selbst Praxiserfahrung gesammelt hatte, fiel der Groschen. Ich konnte dann sehen, warum die Geschichte so präzise gewählt war. Rosen baut die Brücke, indem er nach der Geschichte erklärt, was sie ausgelöst hat. So bekommst Du beim ersten Lesen einen guten Eindruck - und beim zweiten und dritten Lesen erst das volle Bild.

Eine Geschichte, die ich immer wieder zitiere

Eine bekannte Erickson-Story aus dem Buch zeigt, was im Inneren passiert, wenn ein Mensch dem Unbewussten Raum gibt. Erickson war als junger Bauernjunge unterwegs, um Bücher zu verkaufen. Er fragte einen Bauern, ob er ihm ein Buch verkaufen könne. Der Bauer winkte ab: "Nein, ich habe keine Zeit zum Lesen." Erickson antwortete: "Vielleicht darf ich einfach dabei bleiben." Der Bauer: "Klar. Aber ich werde nichts von den Büchern kaufen."

Während Erickson neben dem Bauern stand, kratzte er die Wildschweine mit Steinen - ganz intuitiv, nebenbei. Nach einer Weile drehte sich der Bauer um und sagte: "Der weiß, wie meine Schweine am liebsten gekratzt werden. Den möchte ich kennenlernen." Der Bauer lud Erickson zu sich ein - und kaufte am Ende doch die Bücher.

Die Geschichte wird oft mit der Botschaft erzählt: Vertraue Deinem Unbewussten. Erickson hat das nicht bewusst gemacht. Er hat sein Unbewusstes arbeiten lassen, während er einfach präsent war. Wer das Prinzip dahinter verstehen will, findet es in meinem Artikel zum Seeding in der Hypnose wieder. Manche Saat geht auf, ohne dass Du sie bewusst säst.

Stories für die eigene Praxis

Ein paar der Geschichten kannst Du eins zu eins übernehmen und in Deinen eigenen Erzählschatz aufnehmen. Andere sind so individuell auf einen bestimmten Klienten oder eine bestimmte Lebenssituation zugeschnitten, dass sie sich nicht direkt übertragen lassen. Genau diese Mischung macht das Buch lehrreich. Du verstehst, wann eine Geschichte universell wirkt und wann ihre Stärke gerade in ihrer Zuschnittsgenauigkeit auf einen Einzelfall liegt.

Meine ehrliche Lese-Erfahrung

Das Buch ist nicht "schnell durch". Es ist eines dieser Bücher, das Du am besten in kleinen Dosen liest. Ein, zwei Geschichten pro Abend. Dann wirken sie nach. Genau so liest sich Erickson selbst am besten - in Portionen, die Zeit haben, sich zu setzen.

Für wen ist das Buch geeignet

  • Coaches, Therapeuten und Trainer, die mit therapeutischem Storytelling arbeiten
  • Storytelling-Interessierte, die sich besonders für Veränderungs-Storytelling interessieren
  • Erickson-Lernende, die das echte Material lesen wollen und nicht nur Kommentare darüber
  • Alle, die sich von Originaltext inspirieren lassen und bereit sind, beim zweiten Lesen neue Schichten zu entdecken

Für wen ist es nicht das richtige Buch? Wer ein Methodenbuch sucht oder eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wird hier nicht fündig. Das ist explizit kein Lehrwerk im klassischen Sinn. Wenn Du den systematischen Einstieg brauchst, beginne mit Trenkles "Dazu fällt mir eine Geschichte ein" oder mit einem hypnosystemischen Grundlagenwerk wie Schmidts "Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung".

Mein Fazit

"Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson" ist eines dieser Bücher, das mit der Zeit immer reicher wird. Erstes Lesen: Du bekommst gute Geschichten und einen Eindruck von Ericksons Sprache. Zweites Lesen: Du siehst die Strukturen darunter. Drittes Lesen, mit Praxis im Gepäck: Du verstehst, warum die Auswahl gerade diese und nicht andere Geschichten war.

Wenn Du selbst Geschichten finden willst, die in Deiner Coaching- oder Trainings-Arbeit wirken, lies daneben meinen Artikel über Coaching-Geschichten finden. Und wenn Du systematisch hypnotische Sprache, Storykaskaden und indirekte Suggestionen lernen willst, ist mein Hypnose-Practitioner-Online-Training der passende Rahmen. Für die Grundlagen gibt es das kostenlose Hypnose-Workbook, in dem Du die acht hypnotischen Prinzipien findest, die unter den meisten Erickson-Geschichten wirken.

Was Du parallel lesen kannst

Häufige Fragen

Ist "Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson" für Anfänger geeignet?

Ja, aber mit einer Einschränkung. Die Geschichten an sich sind zugänglich. Manche Geschichten entfalten ihre volle Wirkung jedoch erst, wenn Du den Kontext mitlesen kannst, in dem Erickson sie erzählt hat. Rosen liefert diesen Kontext - und genau das macht das Buch auch für Einsteiger lesbar.

Bekomme ich in dem Buch eine systematische Hypnose-Anleitung?

Nein. Es ist ein reines Geschichten-Buch. Wer eine Schritt-für-Schritt-Methode oder Induktions-Anleitungen sucht, sollte parallel ein Methodenbuch lesen - etwa Prior, Trenkle oder Schmidt.

Kann ich die Geschichten direkt in meine eigenen Trainings übernehmen?

Manche ja. Andere sind so individuell auf einen bestimmten Klienten zugeschnitten, dass sie sich nicht direkt übertragen lassen. Genau das ist Teil der Lehre: zu erkennen, wann eine Geschichte universell wirkt und wann ihre Stärke in der Maßanfertigung liegt.

Wie liest sich das Buch am besten?

In kleinen Portionen. Ein, zwei Geschichten pro Abend. Dann setzen sich die Bilder, und Du bekommst beim erneuten Lesen jedes Mal eine neue Ebene mit.

Quelle

  • Rosen, S. (2009). Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson. iskopress.

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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