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Hypnose beim Reizdarm: so gut wie die FODMAP-Diät
Jemand sitzt mit Reizdarm vor zwei Zetteln. Auf dem einen steht eine Liste mit Lebensmitteln, die ab jetzt wegfallen. Auf dem anderen stehen sechs Gesprächstermine. Sechs Wochen später hatten 72 Prozent aus der Hypnosegruppe deutlich weniger Beschwerden. Aus der Diätgruppe 71 Prozent.
Ein Prozentpunkt Unterschied. Das ist das Ergebnis, das 2016 in Alimentary Pharmacology & Therapeutics steht. Ich (Marian Zefferer) halte diese Arbeit für eine der aufschlussreichsten der Reizdarm-Forschung, weil sie Hypnose gegen die wirksamste Ernährungsbehandlung stellt, die es für dieses Krankheitsbild gibt. Keine Warteliste. Keine Scheinbehandlung. Diese Studie ist eine von über 300 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick.
Was untersucht wurde
Eine Gruppe um Simone Peters und Peter Gibson an der Monash University in Melbourne randomisierte 74 Reizdarm-Patienten per computergenerierter Liste auf drei Arme. 25 bekamen darmgerichtete Hypnotherapie, 24 die Low-FODMAP-Diät, 25 beides gleichzeitig.
Die Low-FODMAP-Diät ist hier der entscheidende Vergleichsmaßstab. Sie reduziert bestimmte Zuckerarten und Zuckeralkohole in der Nahrung und ist für den Reizdarm gut belegt. Wer sie macht, führt Listen, liest Etiketten und plant jede Mahlzeit.
Hauptendpunkt war die Veränderung der Gesamtbeschwerden von Studienbeginn bis Woche 6, gemessen auf einer visuellen Analogskala von 0 bis 100 Millimetern. Als Ansprechen galt eine Verbesserung von mindestens 20 Millimetern. Danach lief eine Nachbeobachtung über 6 Monate.
Zusätzlich erhoben die Forscher psychische Kennwerte mit dem State-Trait Personality Inventory sowie die Lebensqualität. Diese zweite Messebene macht die Arbeit besonders, denn sie fragt nicht nur, ob der Bauch ruhiger wird, sondern auch, was mit dem Menschen drumherum passiert.
Was herauskam
Die Gesamtbeschwerden sanken in allen drei Gruppen deutlich und in gleichem Maß:
- Hypnose: minus 33 Punkte (Vertrauensbereich minus 41 bis minus 25)
- Diät: minus 30 Punkte (minus 42 bis minus 19)
- Kombination: minus 36 Punkte (minus 45 bis minus 27)
Der Unterschied zwischen den Gruppen lag bei P gleich 0,67. Statistisch ist das ein Gleichstand. Rund ein Drittel der Skala, egal welcher Weg.
Sechs Monate nach Behandlungsende hielt die Verbesserung bei 74 Prozent der Hypnose-Patienten an, bei 82 Prozent der Diät-Patienten und bei 54 Prozent in der Kombinationsgruppe. Einen Zusatznutzen durch die Kombination fanden die Autoren an keiner Stelle.
Beim zweiten Messfeld trennten sich die Wege. Die sogenannte Trait-Angst, also die überdauernde Ängstlichkeit, sank nur in der Hypnosegruppe messbar: um 4 Punkte, mit P kleiner 0,0001. In der Diätgruppe um 1 Punkt, in der Kombinationsgruppe um 0,3 Punkte. Beides ohne statistische Bedeutung. Bei der Trait-Depression dasselbe Bild: minus 3 Punkte unter Hypnose mit P gleich 0,011, die anderen beiden Gruppen bewegten sich nicht.
Zwei Behandlungen, derselbe Bauch. Nur eine von beiden hat auch den Menschen erreicht.
Die Lebensqualität verbesserte sich in allen drei Gruppen (jeweils P kleiner oder gleich 0,001). Wer seine Beschwerden los wird, lebt besser. Das gilt unabhängig vom Weg dorthin.
Was das für Deine Praxis heißt
Beide Behandlungen richten die Aufmerksamkeit aus, und sie richten sie auf Verschiedenes. Die Diät lenkt den Blick auf das Essen: Was darf rein, was nicht, was war gestern schuld. Die darmgerichtete Hypnose lenkt den Blick auf einen Bauch, der ruhig arbeitet. Beides beruhigt den Darm. Nur der zweite Weg macht die Ängstlichkeit kleiner, weil er nichts Neues zu überwachen gibt.
Das ist das Prinzip der Aufmerksamkeit aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien: Was wir beleuchten, wächst. Bei einem Symptom, das jeden Tag Aufmerksamkeit bekommt, entscheidet die Richtung dieser Aufmerksamkeit mit über den Verlauf.
Für Dein nächstes Gespräch heißt das: Frag nach dem funktionierenden Zustand, bevor Du nach dem Symptom fragst. Ein Satz dafür:
„Es gibt Stunden, in denen Dein Bauch einfach seine Arbeit macht und Du nicht an ihn denkst. Wie fühlen die sich an?"
Die Frage setzt voraus, dass es solche Stunden gibt. Sie zu suchen ist die Aufgabe. Und sie bringt den Klienten dazu, etwas zu beschreiben, das er bisher übergangen hat.
Wie Du diese Haltung über ein ganzes Gespräch hältst, steht im Kooperationsprinzip in der Hypnose. Zur Einordnung des Krankheitsbildes selbst geht es weiter zu Hypnose beim Reizdarmsyndrom, zur Evidenzlage insgesamt zur größten Reizdarm-Meta-Analyse.
Grenzen der Studie
74 Patienten auf drei Arme heißt rund 25 Menschen pro Gruppe. Bei dieser Größe steckt hinter jedem Prozentpunkt weniger als ein Patient. Die 54 Prozent der Kombinationsgruppe nach 6 Monaten sehen schlechter aus als die 74 und 82 Prozent der Einzelbehandlungen, statistisch abgesichert ist dieser Abstand aber nicht. Mehr als die Feststellung, dass die Kombination nichts dazugibt, lässt die Arbeit hier nicht zu.
Eine Placebogruppe fehlte. Alle 74 Patienten bekamen eine Behandlung, von der sie etwas erwarteten, und niemand war verblindet. Bei einer Diät und sechs Gesprächen ist Verblindung kaum machbar. Wie viel vom Effekt auf die Erwartung geht, bleibt damit offen.
Und die Werte kamen von den Betroffenen selbst, auf Skalen und in Fragebögen. Beim Reizdarm geht das kaum anders, weil es keinen Laborwert gibt, der die Beschwerden abbildet.
Ein Reizdarm gehört zuerst in ärztliche Abklärung, denn er ist eine Ausschlussdiagnose. Als Coach arbeitest Du daneben, am Umgang mit den Beschwerden. Wo Hypnose im medizinischen Umfeld sauber dazukommt, zeigt Hypnose in der Medizin.
Häufige Fragen
Wirkt Hypnose beim Reizdarm besser als die Low-FODMAP-Diät? Auf die Darmbeschwerden wirkten beide in dieser Studie gleich stark. Nach 6 Wochen sprachen 72 Prozent der Hypnose-Patienten und 71 Prozent der Diät-Patienten an. Bei Ängstlichkeit und depressiver Stimmung war die Hypnose der Diät überlegen.
Bringt es etwas, Hypnose und FODMAP-Diät zu kombinieren? In dieser Arbeit nicht. Die Kombinationsgruppe lag nach 6 Wochen auf demselben Niveau wie die beiden Einzelbehandlungen, und nach 6 Monaten hielt die Verbesserung dort bei 54 Prozent gegenüber 74 und 82 Prozent. Einen Zusatzeffekt fanden die Autoren an keiner Stelle.
Braucht es für darmgerichtete Hypnose eine tiefe Trance? Nein. Gewirkt haben Sprache und innere Bilder, mit denen der Patient seinen Bauch anders erlebt. Ein besonderer Zustand ist dafür keine Voraussetzung, wie die State- und Non-State-Theorie zeigt.
Fazit
Eine Ernährungsumstellung und sechs Gespräche landen beim Bauch am selben Punkt. Beim Menschen dahinter landet nur das Gespräch. Für mich ist das die wichtigste Zeile dieser Studie: Dieselbe Linderung, und obendrauf weniger Angst.
Angenommen, Du stellst ab morgen in jedem Gespräch zuerst die Frage nach den Stunden, in denen es funktioniert. Was würden Deine Klienten Dir dann erzählen, was Du bisher nie gehört hast?
Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.
Quelle
- Peters, S., Yao, C. K., Philpott, H., Yelland, G. W., Muir, J. G., & Gibson, P. G. (2016). Randomised clinical trial: The efficacy of gut-directed hypnotherapy is similar to that of the low FODMAP diet for the treatment of irritable bowel syndrome. Alimentary Pharmacology & Therapeutics, 44(5), 447-459. https://doi.org/10.1111/apt.13706
Siehe auch
- Hypnose-Forschung: Studien im Überblick — Der Überblick über mehr als 300 ausgewertete Hypnose-Studien, nach Anwendungsgebieten sortiert, mit allen Quellen.
- Reizdarm 1984: 15 von 15 besserten sich — Studien-Spoke zum Pillar: Erste randomisierte Studie zu Hypnose beim Reizdarm, Whorwell, Prior & Faragher 1984 im Lan...
- Kinderbauchweh: 68 Prozent nach fast 5 Jahren — Studien-Spoke zum Pillar: Langzeit-Nachuntersuchung Vlieger, Rutten, Govers, Frankenhuis & Benninga 2012 im American ...
- Reizdarm: 41 Studien, vier Verfahren, kein Gewinner — Netzwerk-Meta-Analyse Black et al. 2020: darmgerichtete Hypnose RR 0,67, Selbsthilfe-KVT 0,61, Präsenz-KVT 0,62, kein...
- Reizdarm: Der Hypnose-Effekt wächst mit der Zeit — Meta-Analyse Schaefert et al. 2014: 8 randomisierte Studien mit 464 Reizdarm-Patienten, im Mittel 8,5 Sitzungen über ...
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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