Zwei Sessel stehen einander gegenüber in einem ruhigen Raum mit warmem Licht
Manche Geschichten brauchen Zeit, bevor sie jemandem nützen.

Persönliche Geschichten im Coaching richtig erzählen

Die stärkste Geschichte, die Du hast, ist oft die, die Du gerade noch nicht erzählen solltest. Und das hat nichts mit Scham zu tun, sondern mit Timing.

In meiner eigenen NLP-Trainer-Ausbildung hielt eine Teilnehmerin ihre Abschlusspräsentation. Sie hatte sich eine sehr persönliche Geschichte ausgesucht, eine mit echter Substanz. Nach zwei Minuten weinte sie so stark, dass man sie kaum noch verstand. Sie bestand die Prüfung an diesem Tag nicht und wiederholte sie später.

Ich (Marian Zefferer) habe damals gedacht: Die Geschichte war gut. Das Problem war ein anderes.

Die Regel aus dem Fleischerhandwerk

Bernhard Trenkle bringt es mit einem Bild aus dem Fleischerhandwerk auf den Punkt: Eine Geschichte sollte einigermaßen gut abgehangen sein. Aktuelle Konflikte gehören nicht ins Repertoire. Sein Prüfsatz dazu ist unbequem und trifft: Wenn der Therapeut mehr weinen muss als der Klient, ist das kein Kennzeichen einer guten therapeutischen Geschichte.

Abgehangen heißt: Du bist durch. Zumindest zu großen Teilen. Du kannst die Sache anschauen, ohne dass sie Dich noch einmal einfängt.

Jetzt kommt die Umkehrung, und die ist der eigentliche Grund für diesen Artikel. Genau die Geschichten, die Dir einmal nahegegangen sind, sind später Deine besten. Der erste Korb. Die Trennung. Der Moment, in dem Du vor fünfzig Leuten den Faden verloren hast. Dieses Material ist Gold wert. Es braucht nur seine Zeit.

Deshalb ist "abgehangen" eine Terminfrage, keine Absage. Die Geschichte wandert vom Regal des Unerzählbaren ins Regal der Arbeitsmittel, sobald Du sie durchlebt hast.

Der Reifetest in fünf Fragen

Woran merkst Du, dass es so weit ist? Ich gehe innerlich fünf Fragen durch, bevor ich eine eigene Geschichte in ein Coaching oder ein Training nehme.

Erstens: Verändert sich Dein Atem, wenn Du an die Geschichte denkst? Der Körper antwortet früher und ehrlicher als der Kopf. Wenn sich beim bloßen Gedanken etwas zuzieht, ist die Geschichte noch in Arbeit.

Zweitens: Bist Du mit dem Ausgang einverstanden? Eine Geschichte, deren Ende Dich noch ärgert, erzählt beim Erzählen ihr eigenes Ende mit. Dein Gegenüber hört den Ärger, auch wenn Du ihn nicht benennst.

Drittens: Brauchst Du Zustimmung? Wenn Du hoffst, dass Dein Gegenüber Dir danach Recht gibt oder Dich tröstet, dient die Geschichte Dir. Das ist menschlich und gehört in die Supervision, nicht in die Sitzung.

Viertens: Kannst Du mittendrin anhalten? Gute Erzähler unterbrechen sich selbst, stellen eine Frage, beobachten die Reaktion und gehen weiter. Wenn Du die Geschichte nur am Stück durchziehen kannst, hat sie noch die Regie.

Fünftens: Dient sie dem Anliegen Deines Gegenübers? Diese Frage klingt banal. Sie sortiert trotzdem die meisten Geschichten aus.

Eine Geschichte ist reif, wenn Du sie erzählen kannst, während Du Dein Gegenüber beobachtest.

Was passiert, wenn Du zu früh erzählst

Zwei Menschen im Gespräch, eine Person blickt zu Boden, die andere beugt sich aufmerksam vorAngenommen, Du erzählst trotzdem. Dann rutschst Du beim Erzählen in genau den Zustand zurück, aus dem die Geschichte stammt. Dein Gegenüber spürt das sofort. Er weiß meistens nicht, was gerade passiert, er merkt nur: Hier passt etwas nicht zusammen.

Und dann kippt die Rollenverteilung. Dein Gesprächspartner fängt an, auf Dich zu achten. Manche werden vorsichtiger mit dem, was sie erzählen, weil sie Dich schonen wollen. Die Aufmerksamkeit wandert vom Anliegen weg. Aufmerksamkeit ist eines der acht hypnotischen Prinzipien, mit denen ich arbeite, und in diesem Moment arbeitet sie gegen das Gespräch.

Gunther Schmidt beschreibt, wie stark sich innere Zustände zwischen zwei Menschen übertragen (Schmidt, 2022). Eine Problemtrance springt über, wenn ich sie mitbringe. Genau deshalb ist die Reifefrage keine Geschmacksfrage. Sie ist Handwerk. Mehr dazu, wie sich die Verfassung des Begleiters auf die Arbeit auswirkt, steht in meinem Artikel über die Problemtrance beim Coach.

Der Umweg: Erzähl sie über jemand anderen

Es gibt einen eleganten Ausweg, wenn eine Geschichte inhaltlich passt und Dir persönlich noch zu nah ist. Verschieb den Protagonisten.

Ich habe einmal in einem Berufsbildungszentrum gearbeitet, mit Menschen ohne Arbeit, oft mit einer psychischen Diagnose. Eine Frau sprach mich zwischen Tür und Angel an. Sie hatte starke Panikattacken, der ärztliche Weg hatte ihr wenig gebracht, und sie wollte wissen, was sie selbst tun könne.

Ich hatte eine Idee im Kopf. Nur: Wenn ich zwischen Tür und Angel sage "Meditier jeden Tag", geht das rechts rein und links raus. Also habe ich es anders verpackt.

Ich erzählte ihr von einer früheren Klientin. Auch Panikattacken, vor allem enge Räume, vor allem Türen. Die hatte irgendwann mit Meditation angefangen, morgens und abends, und sehr ernst genommen. Nach einigen Wochen, erzählte sie mir später, waren die stärksten Reaktionen fast verschwunden. Ein unangenehmes Gefühl blieb. Das Wegspringen vom Stuhl blieb aus.

Mehr habe ich nicht gesagt. Ich musste weiter.

Die Frau hat angefangen zu meditieren. Jeden Morgen, jeden Abend. Und sie hat mir wenige Wochen später erzählt, dass sich für sie viel verändert hat.

Warum funktioniert das besser als ein Rat? Weil sie sich beim Zuhören in diese andere Frau hineinversetzt. Und was macht diese andere Frau in der Geschichte? Sie meditiert. Das Bild entsteht also von selbst, während ich erzähle. Ein Ratschlag erzeugt kein Bild, eine Geschichte erzeugt eines. Fachlich ist das das Assoziationsprinzip: Der Zuhörer koppelt sich an eine Figur und erlebt mit, was sie erlebt.

Dasselbe gilt für Dich als Erzähler. Wenn Deine eigene Geschichte zu dicht ist, erzähl sie über eine dritte Person. Über einen Kollegen, über einen Klienten, über eine öffentlich bekannte Biografie. Die Wirkung bleibt, der Preis für Dich sinkt.

Etwa achtzig bis neunzig Prozent der Geschichten, die ich in Trainings und Coachings erzähle, stammen aus meinem eigenen Leben. Das hat einen praktischen Grund: Die eigene Biografie kann man sich merken. Du hast damit ohne Aufwand ein Repertoire von hunderten Geschichten. Wie Du es hebst, beschreibe ich in Coaching-Geschichten finden.

Ein Hinweis, der hierher gehört: Ich arbeite als Coach an Zielen, Gewohnheiten und am Umgang mit Belastungen. Behandlungsbedürftige Angststörungen sind etwas anderes. In Deutschland ist die Behandlung von Krankheiten dem Heilpraktiker- und Heilberufsrecht vorbehalten, in Österreich greifen Psychotherapiegesetz sowie die Lebens- und Sozialberatung, in der Schweiz gilt kantonales Recht.

Warum eine gereifte Geschichte hypnotisch wirkt

Kennst Du das Gefühl, wenn Du im Film zusammenzuckst, weil jemand geschlagen wird? Interessant daran ist, wann es passiert. Wird der Held getroffen, spürst Du etwas. Wird der Gegenspieler getroffen, spürst Du nichts. Logisch ergibt das keinen Sinn, geschlagen wird in beiden Fällen ein Mensch.

Du hast Dich für die Dauer des Films mit einem der beiden verwechselt.

Genau das ist der Grund, warum gutes Storytelling in meinen Augen immer auch eine Form von Induktion ist. Dein Gegenüber löst sich für einen Moment von sich selbst und koppelt sich an eine andere Figur. Das ist ein hypnotischer Vorgang, und er braucht kein Pendel und keine Augenfixierung. Das passt zu meiner Position in der Debatte um State und Non-State: Hypnose ist wirksame Kommunikation. Stefan Hammel hat das therapeutische Erzählen als eigenes Handwerk beschrieben und zeigt dort, wie eng Geschichten und Metaphern beieinanderliegen (Hammel, 2018).

Dazu kommt ein zweiter Effekt, der leicht übersehen wird. Eine Geschichte lässt Lücken. Im Storytelling nennen wir das Exformation: alles, was Du weglässt, weil Dein Gegenüber es ohnehin mitbringt.

Ein Beispiel, an dem man es hört. Der Sohn fragt den Vater, was einen richtigen Mann ausmacht. Der Vater überlegt und sagt: Er schützt seine Familie und tut alles für sie. Der Sohn schaut ihn an und sagt: Papa, wenn ich groß bin, will ich auch ein richtiger Mann werden, so wie Mama.

Wer darüber lacht, lacht wegen seiner eigenen Erfahrung. In der Geschichte steht nichts davon. Die Brücke baut der Zuhörer allein, und genau deshalb hält sie. Du kochst das Gericht. Essen muss es der andere.

Für die Praxis heißt das: Erklär die Pointe Deiner Geschichte nicht. Ein kleiner Rest Denkarbeit beim Zuhörer ist der Wirkstoff. Wie Du die Kernaussage trotzdem sicher landest, steht in meinem Artikel zur Kernbotschaft im Storytelling. Welche Merkmale eine Geschichte darüber hinaus tragfähig machen, habe ich in den sieben Wirkfaktoren zusammengestellt.

Fremde Geschichten: Die Quelle gehört dazu

Als ich anfing, waren meine eigenen Versuche miserabel. Ich hatte mir Bücher über die Heldenreise gekauft, die Struktur sauber nachgebaut und dabei so hölzern geklungen, dass ich es selbst kaum ausgehalten habe.

Aus der Verzweiflung wurde meine beste Lernmethode. Ich habe die Geschichten erzählt, die ich von guten Leuten gehört hatte. Immer mit Quelle: Gunther Schmidt hat einmal erzählt, ein Kollege von mir hat erlebt, bei Milton Erickson findet sich der Fall. Meine Versionen kamen nie an das Original heran. Wenn das Original aber stark genug ist, reicht die Hälfte immer noch.

Sidney Rosen hat mit den Lehrgeschichten von Milton Erickson genau das im Großen gemacht: fremde Geschichten sammeln, weitererzählen und die Herkunft dabei sichtbar lassen (Rosen & Hoffman, 2009). Das ist ein völlig legitimer Weg, ein Repertoire aufzubauen.

Jahre später fiel mir auf, dass ich längst eigene Geschichten erzählte, ohne es je geübt zu haben. Ich nenne das unbewusstes Lernen. Falls Du systematischer vorgehen willst, habe ich drei Wege dafür in Storytelling lernen beschrieben.

Eine Sache musst Du dabei beachten, und sie ist nicht verhandelbar: Nenne die Quelle. Ein Kollege von mir hat auf einer großen Bühne eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Zwei Wochen später saß er bei einer anderen Veranstaltung im Publikum und hörte jemanden dieselbe Geschichte erzählen, als eigenes Erlebnis. Für den Ruf eines Trainers ist so etwas ein teurer Moment, sobald es auffliegt.

Bei Geschichten, deren Wahrheitsgehalt Du nicht kennst, gibt es einen eleganten Vorspann. Ich sage dann: Ich weiß nicht einmal, ob sie stimmt. Wenn sie nicht stimmt, ist sie gut erfunden. Damit ist die Frage vom Tisch, bevor sie jemand stellt. Das ist ein klassisches Preframing.

Passung: die richtige Geschichte für dieses Publikum

Bleibt der letzte Filter. Manchmal hast Du eine richtig gute Geschichte, und dieses Publikum ist das falsche dafür.

Vor einer Gruppe von Führungskräften eine Geschichte über Dein Kind zu erzählen, kann gut gehen. Es kann auch dazu führen, dass sich die Gruppe abwertet fühlt, nach dem Motto: Bei Kindern mag das funktionieren, bei uns geht es um etwas anderes. Dieselbe Geschichte, anders gerahmt, wirkt dann wieder.

Genau dafür ist Preframing da. Ein Satz vorweg sortiert die Erwartung: "Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte über einen Siebenjährigen. Die Dynamik darin erlebe ich in Vorstandssitzungen exakt gleich." Danach hört die Gruppe zu.

Dahinter steht das Kooperationsprinzip: Erst die Passung, dann die Wirkung. Das gilt für Geschichten genauso wie für jede andere Intervention im Coaching mit Hypnose.

Und wenn Du unsicher bist, ob eine Geschichte Dir oder Deinem Gegenüber dient, ist das ein guter Punkt für die Supervision. Von außen sieht man es leichter (Neumann-Wirsig, 2022).

Häufige Fragen

Darf ich als Coach eigene persönliche Geschichten erzählen? Ja, und sie gehören zu den wirksamsten Mitteln, die Du hast. Die Bedingung ist, dass Du die Geschichte durchlebt hast. Solange Dich das Erzählen selbst noch in den alten Zustand zieht, hilft sie Deinem Gegenüber nicht.

Woran erkenne ich, dass eine Geschichte noch zu frisch ist? Am Körper. Wenn sich beim Gedanken daran der Atem verändert, wenn Du sie nur am Stück durchziehen kannst oder wenn Du auf Zustimmung hoffst, ist sie noch in Arbeit. Fünf Prüffragen dazu stehen weiter oben im Artikel.

Was mache ich, wenn die passende Geschichte meine eigene ist und mir zu nah geht? Verschieb den Protagonisten. Erzähl dieselbe Dynamik über einen Klienten, einen Kollegen oder eine bekannte Biografie. Dein Gegenüber koppelt sich ohnehin an die Figur in der Geschichte, nicht an Dich.

Darf ich Geschichten erzählen, die ich von anderen gehört habe? Ja, mit Quellenangabe. "Ein Kollege hat mir erzählt" oder "Bei Milton Erickson findet sich der Fall" reicht völlig. Eine fremde Geschichte als eigenes Erlebnis auszugeben, kostet Dich im Zweifel Deinen Ruf.

Wie viel soll ich von der Pointe erklären? So wenig wie möglich. Die Denkarbeit beim Zuhörer ist der Wirkstoff. Wenn Du die Bedeutung mitlieferst, nimmst Du der Geschichte genau das, was sie besser macht als eine Erklärung.

Fazit

Deine stärksten Geschichten liegen fertig in Deiner Biografie. Manche sind heute schon einsatzbereit, andere hängen noch ab.

Angenommen, Du gehst heute Abend eine Deiner unerzählten Geschichten durch und prüfst sie mit den fünf Fragen. Welche ist längst reif, und Du hast sie nur noch nie erzählt?

Die sprachlichen Werkzeuge dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du Geschichten gezielt in Gesprächen einsetzt, übst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Hammel, S. (2018). Handbuch des therapeutischen Erzählens (Leben Lernen, Bd. 221): Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta.
  • Neumann-Wirsig, H. (2022). Jedes Mal anders: 50 Supervisionsgeschichten und viele Möglichkeiten. Carl-Auer.
  • Rosen, S., & Hoffman, L. (2009). Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson. iskopress.
  • Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
  • Trenkle, B. (2021). Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Direkt-indirekte Botschaften für Therapie, Beratung und über den Gartenzaun. Carl-Auer.

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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