Zwei warme Lichtbahnen laufen parallel, eine dritte legt sich darüber und verstärkt die Helligkeit
Die Behandlung läuft schon. Die Frage dieser Auswertung ist, was ein Gespräch obendrauf noch bewegt.

Hypnose obendrauf: 7 bis 9 Punkte weniger Schmerz

Ein Mann mit Verbrennungen liegt beim Verbandwechsel. Die Wunde wird versorgt wie immer, mit denselben Medikamenten. Dazu spricht jemand mit ihm. Am Ende gibt er seinen Schmerz um 8,8 Punkte niedriger an als die Vergleichsgruppe, auf einer Skala von 0 bis 100. Dieselbe Behandlung. Ein Gespräch dazu.

Fast alle Meta-Analysen zur Hypnose vergleichen Hypnose gegen nichts. Gegen Warteliste, gegen Standardversorgung, gegen eine Entspannungsübung. Das ist selten die Frage, die in der Praxis auf dem Tisch liegt. Dort läuft die Behandlung schon. Es gibt Medikamente, Physiotherapie, Aufklärung, manchmal eine Operation. Die echte Frage lautet: Bringt ein hypnotisches Gespräch obendrauf noch etwas?

Eine australische Gruppe um Harriet Jones und Tasha Stanton hat 2024 genau das durchgerechnet. 70 randomisierte Studien, 6.078 Teilnehmer, veröffentlicht in PAIN Reports.

Ich (Marian Zefferer) sammle solche Arbeiten, weil sie näher an meiner Arbeit liegen als jede Laborstudie. Diese Studie ist eine von über 280 auf meiner Seite Hypnose-Forschung: Studien im Überblick. Sie ist die ehrlichste, die ich kenne, weil sie ihre eigenen Zahlen am Ende relativiert.

Was untersucht wurde

Das Design ist streng. Aufgenommen wurde eine Studie nur dann, wenn beide Gruppen die gleiche Primärbehandlung erhielten und eine Gruppe zusätzlich Hypnose bekam. Hypnose plus Behandlung gegen Behandlung allein. Alles andere flog raus.

Gesucht wurde in sieben Datenbanken bis Januar 2024: MEDLINE, Embase, PsycINFO, Emcare, SCOPUS, CENTRAL und Cochrane. Erwachsene mit klinischem Schmerz, kein Laborschmerz an Gesunden.

Gemessen wurde die Schmerzintensität, umgerechnet auf eine Skala von 0 bis 100. Die Auswertung lief als Random-Effects-Modell und sortierte die Ergebnisse danach, was die Primärbehandlung eigentlich war. Das ist der entscheidende Schritt, denn genau dort liegt der interessante Teil.

Was herauskam

Kommt Hypnose zur üblichen Versorgung dazu, ist der Zusatzeffekt klein und stabil:

  • chronischer Schmerz: 8,2 Punkte weniger
  • Eingriffe und Schmerz nach Operationen: 6,9 Punkte weniger
  • Versorgung von Verbrennungswunden: 8,8 Punkte weniger

Ein Unterschied von 8 Punkten auf einer Hunderterskala klingt nach wenig. In der Schmerzforschung gilt er als spürbar, aber nicht als Durchbruch. Übersetzt heißt das: Der Schmerz ist noch da, er lässt sich leichter aushalten.

Spannender ist, was passiert, wenn Hypnose auf etwas anderes draufkommt.

Zusammen mit Medikamenten lag der Zusatzeffekt bei chronischem Schmerz bei 13,2 Punkten. Zusammen mit guter Schmerzedukation bei 11,5 Punkten. Das sind die beiden größten Werte der ganzen Arbeit.

Hypnose zur Standardversorgung: rund 8 Punkte. Hypnose zu Medikamenten oder Edukation: 11 bis 13 Punkte. Hypnose wirkt stärker, wenn sie auf eine Erklärung oder eine Substanz aufsetzt, die der Patient schon versteht.

Und zwei Werte wurden klein. Bei Schmerz nach einer Operation brachte Hypnose plus Edukation nur 2,0 Punkte. Kombiniert mit anderen psychologischen Verfahren zeigte sich bei chronischem Schmerz erst nach drei Monaten ein Effekt, und der betrug 2 Punkte.

Das passt zum Bild aus den großen Einzelauswertungen: Bei chronischem Schmerz als eigenständige Behandlung liegen die Effekte höher, und ab acht Sitzungen wächst der Effekt deutlich. In der Zusatzrolle bleibt er kleiner. Für den Operationsbereich liefert die Jenaer Gruppe die Vergleichszahlen in 34 randomisierten Studien.

Was das für Deine Praxis heißt

Die wichtigste Zahl dieser Arbeit ist nicht die größte. Es ist der Unterschied zwischen 8 und 13.

Hypnose zusätzlich zu einer Behandlung, die der Patient versteht, wirkt besser als Hypnose zusätzlich zu einer Behandlung, die einfach passiert. Wer weiß, warum er dieses Medikament nimmt und was es tun soll, bringt eine Erwartung mit. Suggestion hat dann etwas, woran sie andocken kann.

Der Satz, den Du morgen sagen kannst, bevor Du überhaupt mit Hypnose anfängst: „Erzähl mir zuerst, was Deine Ärztin über Deine Behandlung gesagt hat. Was soll sie bei Dir bewirken?"

Zwei Sätze, keine Technik, und Du hast die Erwartung Deines Klienten im Raum. Darauf baut alles Weitere auf.

Hier greift das Kooperationsprinzip aus meinen 8 hypnotischen Prinzipien. Du arbeitest mit dem, was der Mensch schon glaubt und schon tut, statt daneben etwas Neues aufzubauen. Wie Du diese Haltung sprachlich aufbaust, steht im Kooperationsprinzip in der Hypnose. Wo Hypnose im medizinischen Umfeld sauber dazukommt, zeigt Hypnose in der Medizin, und einen Überblick über die Schmerzanwendungen gibt Hypnose bei Schmerzen.

Grenzen der Studie

Die Autoren stufen die Gesamtsicherheit der Evidenz als sehr niedrig ein. Das schreiben sie selbst in den Abstract, und sie formulieren es schärfer als viele Kollegen: Es bleibe Unsicherheit darüber, was Hypnose als Zusatz wirklich leistet.

Dafür gibt es gute Gründe. Die Vertrauensbereiche sind weit. Beim größten Einzelwert, Hypnose plus Edukation bei chronischem Schmerz, reicht das Intervall von 19,7 Punkten Besserung bis zu 3,3 Punkten Verschlechterung. Es schließt die Null ein. Statistisch gesichert ist dieser Wert nicht, obwohl er die schönste Zahl der Arbeit ist. Wer ihn ohne diese Einschränkung zitiert, zitiert falsch.

Dazu: 70 Studien über fünf verschiedene Kombinationen und mehrere Schmerzbilder verteilt bedeutet, dass hinter manchem Einzelwert nur eine Handvoll Studien steht. Was in den Studien „Hypnose" heißt, reicht von der Audioaufnahme bis zur Sitzung mit einem Therapeuten.

Und die Autoren nennen die offene Flanke des ganzen Feldes: Es ist unklar, worauf Hypnose in der Zusatzrolle eigentlich zielt. Ohne benanntes Wirkziel lässt sich kein Mechanismus prüfen. Dass dafür kein Sonderzustand nötig ist, legt die State- und Non-State-Theorie nahe.

Rechtlich gilt: Wo eine Diagnose im Spiel ist, greifen in Deutschland das Heilpraktiker- und Heilberufsrecht, in Österreich das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz kantonales Recht. Schmerz gehört in ärztliche Abklärung. Als Coach arbeitest Du daneben, am Umgang damit.

Häufige Fragen

Wirkt Hypnose zusätzlich zu einer laufenden Schmerzbehandlung? Über 70 randomisierte Studien mit 6.078 Teilnehmern findet diese Meta-Analyse einen kleinen Zusatzeffekt von 7 bis 9 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100. Kombiniert mit Medikamenten oder Schmerzedukation liegen die Werte bei 11 bis 13 Punkten. Die Autoren stufen die Evidenzsicherheit als sehr niedrig ein.

Ersetzt Hypnose Schmerzmedikamente? Nein. Diese Arbeit hat genau das Gegenteil untersucht: Hypnose zusätzlich zur bestehenden Behandlung. Der größte Effekt trat auf, als Hypnose zu Medikamenten dazukam, nicht an ihrer Stelle.

Wie viele Sitzungen braucht es? Diese Auswertung sagt dazu nichts. Eine andere Meta-Analyse zu chronischem Schmerz fand ab acht Sitzungen einen deutlich größeren Effekt. Wie Du eine solche Sitzungsfolge aufbaust, übst Du im Hypnose-Practitioner.

Fazit

8 Punkte, wenn Hypnose zur Standardversorgung dazukommt. 13 Punkte, wenn sie auf etwas aufsetzt, das der Patient versteht. Dazwischen liegt die ganze Arbeit mit Erwartung, und genau dort arbeitet Suggestion.

Angenommen, Du würdest beim nächsten Klienten mit Schmerzen zuerst fragen, was seine Behandlung bei ihm bewirken soll, bevor Du irgendetwas anderes tust. Was würdest Du über ihn erfahren, das Du sonst nie gehört hättest?

Die sprachlichen Bausteine dafür findest Du im kostenlosen Hypnose-Workbook. Wie Du sie im Gespräch aufbaust, lernst Du im Hypnose-Practitioner.

Quelle

  • Jones, H., Rizzo, R. R. N., Pulling, B. W., Braithwaite, F., Grant, A. R., McAuley, J. H., Jensen, M. P., Moseley, G. L., Rees, A., & Stanton, T. R. (2024). Adjunctive use of hypnosis for clinical pain: a systematic review and meta-analysis. PAIN Reports, 9(5), e1185. https://doi.org/10.1097/PR9.0000000000001185

Siehe auch

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Marian Zefferer, MSc

Über den Autor: Marian Zefferer, MSc

Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.

Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.

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