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Die Ausnahmefrage: "Wann war es schon einmal weniger schlimm?"
Eine Frau mit chronischen Schmerzen sagt in einer Sitzung: "Es ist schlimm. Es ist immer gleich schlimm. Ich halte das nicht mehr aus." Der Coach fragt, ob es schon eine Ausnahme gab. Sie sagt Nein. Immer gleich heftig.
Dann kommt eine zweite Frage. Auf einer Skala von eins bis zehn, war es schon einmal schlimmer?
Ja. Einmal sei es sogar eine Acht gewesen.
In diesem Satz hat sich gerade alles verändert, und sie hat es selbst gesagt. Wenn es einmal eine Acht war und sonst eine Sieben, dann ist es eben nicht immer gleich. Es gibt Unterschiede. Und wo Unterschiede sind, gibt es etwas, das sie verursacht.
Ich analysiere diese Szene in Ausbildungen gern, weil sie in zwei Sätzen zeigt, wovon lösungsorientiertes Arbeiten lebt.
Warum "immer" fast nie stimmt
"Immer", "nie", "ständig", "bei jedem Mal". Diese Wörter kommen in fast jedem ersten Gespräch vor, und sie beschreiben selten die Wirklichkeit. Sie beschreiben, wie jemand gerade hinschaut.
Wer in einer Problemtrance steckt, hat den Blick auf das Problem verengt. Das ist keine Charakterschwäche. Aufmerksamkeit funktioniert so: Was im Fokus steht, wird größer, alles daneben verschwindet. Ausführlicher steht das bei Problemtrance und Lösungstrance.
Die guten Momente sind also da. Sie sind nur nicht im Blick. Und weil sie nicht im Blick sind, tauchen sie in der Erzählung nicht auf.
Deine Aufgabe ist damit klar umrissen. Du musst nichts hinzufügen. Du musst helfen, dass etwas gefunden wird, das schon da ist.
Eine einzige Ausnahme reicht. Ab diesem Moment ist die Regel keine Regel mehr, und ihr redet über Bedingungen statt über Schicksal.
Die Ausnahmefrage in ihrer einfachsten Form
"Wann war es schon einmal anders?"
Das ist sie. Varianten, die im Gespräch besser klingen:
- "Gab es einen Tag in den letzten Wochen, an dem es leichter war?"
- "Wann ist es Dir zuletzt gelungen, obwohl die Umstände gleich waren?"
- "Wann hättest Du es erwartet, und dann kam es doch nicht?"
- "Was war anders an dem Tag, an dem es ging?"
Die letzte Frage ist die eigentlich wichtige, sie kommt aber erst nach der Antwort. Zuerst brauchst Du die Ausnahme selbst.
Und ganz oft kommt an dieser Stelle: "Nein, gibt es nicht. Es ist immer gleich."
Wenn Nein kommt: die Skala
Genau hier liegt der Griff, den viele nicht kennen. Ein Nein auf die Ausnahmefrage ist ein Nein zur Kategorie, nicht zur Sache. In Ja-oder-Nein gedacht gibt es keine Ausnahme. In Zahlen gedacht schon.
"Auf einer Skala von eins bis zehn: Wo steht es heute? Und wo stand es an dem schlimmsten Tag, an den Du Dich erinnerst?"
Sobald zwei verschiedene Zahlen im Raum stehen, ist die Ausnahme gefunden. Ohne Diskussion, ohne dass jemand seine Darstellung zurücknehmen musste. Die Skala macht sichtbar, was in "immer gleich" verschwunden war.
Ich benutze Skalenfragen aus demselben Grund am Anfang jedes Webinars, wenn ich frage, wo jemand gerade steht. Null heißt keine Erfahrung, zehn heißt Profi. Die Zahl selbst interessiert mich wenig. Interessant wird, was passiert, wenn ich frage, woran die Person merkt, dass es eine Vier ist und keine Zwei.
Das ist die eigentliche Arbeit an der Skala: Der Unterschied zwischen zwei Zahlen besteht immer aus etwas Konkretem. Und dieses Konkrete ist verhandelbar.
Der Vierschritt
Erstens: Fragen und aushalten. "Wann war es schon einmal anders?" Danach schweigen. Die Frage braucht Zeit, weil sie gegen die Blickrichtung arbeitet. Wer nachschiebt, verhindert die Antwort.
Zweitens: Bei Nein auf die Skala wechseln. Zwei Zahlen genügen, heute und der schlimmste Tag. Oder heute und der beste.
Drittens: Den Unterschied auspacken. Was war an dem Tag anders? Wo warst Du, mit wem, wie hast Du geschlafen, was hast Du getan, worauf hast Du geachtet? Hier entstehen die Bedingungen, und Bedingungen kann man wiederherstellen.
Viertens: Den nächsten Schritt klein halten. Von einer Sieben auf eine Sechs. Kein Sprung auf die Zwei. Ein Schritt, den die Person sich selbst zutraut, weil er in ihrer eigenen Erfahrung schon vorkam.
In der Szene vom Anfang lief genau das ab. Die Frau hatte selbst gesagt, dass eine Sieben möglich ist. Also wurde die Sieben zum Ziel für die nächste Woche. Beim nächsten Termin berichtete sie von einer Sechs. Danach eine Fünf, eine Vier, eine Drei. Der Schmerz blieb, und er wurde weniger.
Warum das hypnotisch ist
Die Ausnahmefrage sieht harmlos aus. Sie enthält aber eine Präsupposition, die man schwer umgehen kann. Wer fragt, wann es anders war, setzt voraus, dass es anders war. Zur Debatte steht nur noch das Wann.
Dazu kommt die Suchbewegung. Um die Frage überhaupt zu beantworten, muss Dein Gegenüber innerlich zurückgehen und Situationen durchsehen. Diese Suche findet in derselben Erinnerung statt, die eben noch als lückenlos schlimm galt. Danach ist sie es nicht mehr, und daran ist Dein Gegenüber selbst schuld.
Von den 8 hypnotischen Prinzipien arbeiten hier vor allem zwei: Aufmerksamkeit, weil Du den Suchscheinwerfer umlenkst, und Utilisation, weil Du mit dem arbeitest, was die Person selbst mitbringt. Es braucht dafür keine Induktion und keine geschlossenen Augen, was gut zur Non-State-Sicht auf Hypnose passt.
Steve de Shazer, auf den die systematische Arbeit mit Ausnahmen zurückgeht, hat das in "Der Dreh" ausführlich beschrieben. Sein Punkt: Lösungen hängen mit dem Problem oft weniger zusammen als erwartet. Deshalb lohnt es sich, das Funktionierende zu untersuchen.
Vier Fehler, die die Frage entwerten
Die Ausnahme kleinreden lassen. "Das war Zufall." "Da war ja auch Wochenende." Wenn Du das durchgehen lässt, ist die Ausnahme wieder weg. Bleib dran: Wochenende ist eine Bedingung, und Bedingungen sind genau das, wonach Du suchst.
Zu früh interpretieren. Sobald Du sagst, woran es Deiner Meinung nach lag, gehört die Erklärung Dir. Wirksam wird sie, wenn sie von der anderen Person kommt.
Die Frage als Beweisführung benutzen. "Siehst Du, es ist also doch nicht immer so." Damit hast Du gewonnen und Dein Gegenüber verloren. Der Klient ist ein Kooperationspartner, kein Gegner in einer Beweisaufnahme.
Fragen, bevor der Rapport trägt. Wer sich nicht verstanden fühlt, hört bei der Ausnahmefrage vor allem, dass sein Leid angezweifelt wird. Erst pacen, dann fragen. In dieser Reihenfolge.
Wo die Grenze liegt
Bei akuten Krisen, bei Suizidgedanken, bei frischen Traumatisierungen ist die Ausnahmefrage das falsche Werkzeug. Dort geht es zuerst um Sicherheit und um fachliche Begleitung.
Auch bei körperlichen Beschwerden gilt: Eine Skala beschreibt das Erleben. Sie ersetzt keine Abklärung. Wer Schmerzen hat, gehört zuerst zum Arzt, und was Coaching daneben leisten kann, steht bei der Hypnose bei Schmerzen. Was in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils erlaubt ist, steht im Rechtsrahmen für den DACH-Raum.
Und dann gibt es die Fälle, in denen wirklich keine Ausnahme auftaucht. Auch nach der Skala nicht. Dann hast Du trotzdem etwas gewonnen: Du weißt jetzt, dass die Verengung stabil ist, und arbeitest an ihr, statt sie zu übergehen.
Die Ausnahmefrage bei Dir selbst
Sie funktioniert nach innen genauso, und der Widerstand ist derselbe. "Ich komme nie in den Flow." "Ich bin morgens immer träge." "Beim Sport fehlt mir grundsätzlich die Motivation."
Schreib die Behauptung auf und stell Dir die Frage schriftlich. Schriftlich deshalb, weil Du sonst nach drei Sekunden aufhörst zu suchen. In der Selbsthypnose kannst Du dieselbe Suchbewegung mit geschlossenen Augen machen: eine Situation aussuchen, in der es leichter ging, und in ihr die Bedingungen abklopfen.
Meistens findest Du dann eine Handvoll banaler Faktoren. Uhrzeit, Vorbereitung, wer im Raum war, wie viel Schlaf. Banal ist gut. Banales lässt sich wiederholen.
Häufige Fragen
Was ist die Ausnahmefrage im Coaching? Die Frage danach, wann ein Problem schon einmal schwächer war oder ganz gefehlt hat. Sie stammt aus der lösungsorientierten Kurzzeitberatung. Ziel ist, die Bedingungen dieser Ausnahme herauszuarbeiten, weil sie sich wiederherstellen lassen.
Was mache ich, wenn mein Gegenüber sagt, es gebe keine Ausnahme? Auf eine Skala von eins bis zehn wechseln und nach dem heutigen Wert und dem schlimmsten erinnerten Wert fragen. Sobald zwei verschiedene Zahlen genannt werden, ist die Ausnahme gefunden, ohne dass jemand seine Darstellung revidieren muss.
Was ist der Unterschied zwischen Ausnahmefrage und Wunderfrage? Die Ausnahmefrage sucht in der Vergangenheit nach etwas, das bereits funktioniert hat. Die Wunderfrage entwirft eine Zukunft, in der das Problem gelöst ist. Beide lenken die Aufmerksamkeit weg vom Problem, arbeiten aber mit verschiedenen Zeitrichtungen.
Ist die Skalenfrage dasselbe wie die Ausnahmefrage? Nein, sie ist ein Hilfsmittel dafür. Die Ausnahmefrage sucht Unterschiede, die Skala macht Unterschiede zählbar. In der Praxis kommt die Skala meistens dann zum Einsatz, wenn die offene Ausnahmefrage ein Nein bekommen hat.
Warum wirkt die Ausnahmefrage hypnotisch? Sie enthält die Vorannahme, dass es Ausnahmen gibt, und sie löst eine Suchbewegung in der eigenen Erinnerung aus. Diese Suche verändert die Aufmerksamkeit, und mit ihr das Bild, das jemand von seinem Problem hat. Dafür braucht es weder Induktion noch Trance im klassischen Sinn.
Kann ich damit auch bei körperlichen Beschwerden arbeiten? Beim Erleben ja, bei der Ursache nicht. Eine ärztliche Abklärung steht immer davor. Innerhalb dieser Grenze lässt sich mit Skalenarbeit oft an der Stärke, der Dauer und dem Umgang mit Beschwerden etwas verändern.
Fazit
"Es ist immer gleich schlimm" ist eine Beschreibung des Blickwinkels.
Die Ausnahmefrage nimmt diese Beschreibung ernst und stellt trotzdem eine Frage daneben. Kommt ein Nein, hilft die Skala, weil sie Unterschiede zählbar macht, die im Ja-Nein-Denken verschwinden. Und Unterschiede sind der Rohstoff jeder Veränderung.
Der Rest ist Geduld: den Unterschied auspacken, den nächsten Schritt klein halten, von der Sieben auf die Sechs.
Angenommen, Du stellst diese Frage im nächsten Gespräch, in dem jemand "immer" sagt. Wen würdest Du fragen? Und was würdest Du hören wollen, wenn die Antwort kommt?
Wenn Du solche Fragen systematisch aufbauen willst: Im kostenlosen Hypnose-Workbook findest Du die sprachlichen Grundlagen dazu. In der Hypnose-Practitioner-Ausbildung übst Du sie an echten Anliegen aus der Gruppe, weil erst im Tandem auffällt, wie schnell man nach der Frage weiterredet. Wie sich das im laufenden Gespräch anfühlt, steht in der Konversationshypnose.
Quelle
- de Shazer, S. (1989). Der Dreh: Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Carl-Auer.
- Erickson, M. H., & Rossi, E. L. (2016). Hypnotherapie: Aufbau, Beispiele, Forschungen (Leben Lernen, Bd. 49). Klett-Cotta.
- Prior, M. (2023). MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Carl-Auer.
- Schmidt, G. (2022). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
Siehe auch
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Über den Autor: Marian Zefferer, MSc
Marian Zefferer ist Hypnose- (WHO) und NLP-Trainer (IN, DVNLP, ÖDVNLP) bei Landsiedel NLP Training und Experte für die 8 hypnotischen Prinzipien. Er bildet Coaches, Therapeuten und Trainer aus, die Hypnose wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig alltagstauglich einsetzen wollen.
Sein Markenzeichen: Er schlägt die Brücke zwischen Hirnforschung und Alltagsrealität, getragen von drei Pfeilern — wissenschaftlicher Tiefe, didaktischer Präzision und gelungenem Praxistransfer mit einer Prise Humor.
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